Mikael Niemi – Wie man einen Bären kocht

Ein Monster wird verspeist

Wie Schwein gekreuzt mit Auerhahn soll gekochtes Bärenfleisch schmecken. Zäh soll es sein, aber gesund. Und ein Schnaps gehört auch dazu – sagt man. Jedenfalls erzählen sich das die Dorfbewohner, während ihnen bereits das Wasser im Munde zusammenläuft. Denn jetzt, da sie tatsächlich einen Bären erlegt haben, werden sie das Fleisch endlich kosten. Lange haben sie dem Tier nachgestellt und dieser Bär ist auch nicht irgendein Bär, sondern das Monster, das die Magd Hilda zerfleischt und auf bestialische Weise umgebracht hat. Das glauben zumindest die Dorfbewohner. Immerhin wiesen Leiche und Tatort entsprechende Spuren auf. Propst Læstadius hingegen ist da völlig anderer Meinung, denn die Klauen des erlegten Bären passen in Form und Größe ganz offensichtlich nicht zu den Wunden des Opfers.

Der Propst ermittelt

Die Geschichte spielt im Jahr 1852 in dem kleinen Ort Kengis in Nordschweden an der Grenze zu Finnland. Der Botaniker und Erweckungsprediger Læstadius ist hier Pfarrer. Berühmt für seine gefühlsbetonten, mitreißenden Predigten, ist er auch ein Mann der Wissenschaft, der genau beobachtet und analytisch denkt. Er erkennt, dass dem Opfer die vermeintlichen Klauenspuren mit einem Messer beigebracht wurden. Er registriert auch die Würgemale am Hals des Mädchens. Und welcher Bär versenkt schon seine Beute mit einer Forke im Moor? Aber trotz seines Standes und seiner logischen Ausführungen kann Læstadius die Dorfbewohner im Allgemeinen und Landjäger Brahe im Besonderen nicht von ihrem Irrtum überzeugen. Schließlich müsste dann der Täter aus dem Dorf stammen. Und es kann nicht sein, was nicht sein darf, weil es den Dorffrieden stören würde.

Auch sein Zögling Jussi, der dem Probst auf Schritt und Tritt folgt, hat Schwierigkeiten dessen Schlussfolgerungen zu verstehen. Zumal Frauen ihn gerade in ganz anderer Hinsicht beschäftigen. Besonders Maria hat es ihm angetan. So oft er kann, beobachtet er sie, versucht sich ihr zu nähern, eine flüchtige Berührung im Gedränge nach dem Gottesdienst zu erhaschen. Ihre weiche Haut und das leuchtend helle Haar üben eine ungeheure Anziehungskraft auf ihn aus – was Maria und allen anderen im Dorf keineswegs entgeht.

Jussis Menschwerdung

Jussi ist Same und als Kind vor seiner Mutter geflohen. Wie so manche, ist sie dem Alkohol verfallen, völlig verwahrlost und kaum in der Lage sich und ihre Kinder zu ernähren. Læstadius findet den halb verhungerten Jungen bei einem seiner botanischen Streifzüge und nimmt ihn zu sich, gibt ihm einen Namen, trägt ihn ins Kirchenbuch ein und lehrt in Schreiben und Lesen. Von diesem Zeitpunkt an betrachtet sich Jussi als Mensch und möchte nichts lieber als dazugehören.

Allerdings wird Jussi dadurch auch zu einem Wanderer zwischen den Kulturen. Die Natur betrachtet er auf eine gänzlich andere Weise als der Propst, fühlt sich als Teil von ihr. Wofür er keine Erklärung hat, das akzeptiert er als übernatürlich und magisch. Auch spürt er immer wieder den Drang zu verschwinden und wochenlang umherzuwandern, was er tut. Der Propst, der den Samen sehr verbunden ist, kann dies akzeptieren, die Dorfbewohner nicht. In ihren Augen ist Jussi nur ein „Lappen“- oder „Schamanenbengel“. Niemand, der zu ihrer Gemeinschaft gehört – ergo der perfekte Sündenbock.

Wessen Wille geschieht

Mit dem durchreisenden Maler Nils Gustaf, der sich eine Zeit lang im Dorf niederlässt, verhält es sich gänzlich anders. Er verspricht Nachrichten aus der großen, weiten Welt und Unterhaltung. Er bringt ihnen bei, wie man in der Stadt tanzt. Er porträtiert sie, sofern sie sich das leisten können. Nils Gustaf ist ein begehrter Mann. Auch Læstadius lässt sich malen und ist fasziniert von Nils Gustaf und seinem Wissen. Sogar Daguerreotypien kann dieser anfertigen, etwas, das man in Kengis noch nie gesehen hat. Lediglich Nils Gustafs Haltung gegenüber Frauen irritiert den Probst und macht ihn misstrauisch. Reichen dem Maler tatsächlich nur Worte, um von den Mädchen das zu bekommen, was er will?

Als ein zweites Mädchen angegriffen wird, wächst der Druck, endlich den wahren Schuldigen zu finden. Der Bär ist ja schließlich schon tot und verspeist. Aber noch immer mag niemand dem Propst folgen. Fingerabdrücke, Indizien und logische Schlussfolgerungen sind für die Dorfbewohner neu und spielen in ihrem Leben keine Rolle. Sie regeln die Sache auf gewohnte Art und Weise. Und Jussi bekommt zu spüren, wie lebensgefährlich es ist, ein Außenseiter zu sein. Aber während der Propst dem Täter immer näher kommt, einen fatalen Fehler begeht und an dem sturen Landjäger Brahe und seinem Gendarmen fast verzweifelt, naht von unvermuteter Seite Hilfe.

Ein außergewöhnlicher Roman

»Wie man einen Bären kocht« von Mikael Niemi ist ein äußerst vielschichtiger Roman. Er ist zugleich Krimi, historische Biographie, Natur- und Volkskunde. Tatsächlich haben mich der Probst und Jussi stellenweisen an Sherlock Holmes und Dr. Watson erinnert. Besonders die Gespräche der beiden. Man erfährt aber auch viel über das Leben des historischen Læstadius, die Erweckungsbewegung und die damaligen historischen Umstände. Die Natur Nordschwedens spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Sie trägt sogar zur Lösung des Falls bei. Übrigens wird die Geschichte größtenteils aus Jussis Perspektive erzählt, was dem Roman einen ganz eigenen Ton verleiht und ein wirklich gelungener Kniff ist.
Für mich war die Lektüre dieses Buches in jeglicher Hinsicht eine Bereicherung und ich freue mich schon auf den nächsten Roman von Mikael Niemi, der dann hoffentlich wieder von Christel Hildebrandt übersetzt wird.

Mikael Niemi
Wie man einen Bären kocht
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
btb Verlag
ISBN 978-3-442-75800-5

Ebenfalls sehr lesenswert: Mikael Niemi, Die Flutwelle

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