Agnete Friis – Der Sommer mit Ellen

Der Wurmmonat

»Die Wikinger haben den Juli Wurmmonat genannt. Weil alles in der Hitze verrottete. Es waren Maden im Fleisch. Wo doch sonst alles so hübsch ist im Juli.« Schön ist die Landschaft Djurslands dann wirklich, aber das Leben nicht unbedingt. Ellen ist sich dessen nur zu bewusst, als sie diese Sätze zu Jakob sagt. Zumal auf dem benachbarten Hof gerade ein Mädchen tot aufgefunden wurde.

Ellen und Jakob verbringen nur einen einzigen Sommer miteinander. Den Sommer 1978. Jakob ist fünfzehn und Ellen 29. Für Jakob wird es ein verwirrender Sommer. Ein Sommer, der ihn für immer prägt. Wie sehr, das stellt Jakob allerdings erst 40 Jahre später fest, als seine Großonkel ihn anrufen und um einen Gefallen bitten. Jakob soll Ellen finden, die damals ohne eine Wort des Abschieds verschwand.

Wo ist Ellen?

Anton und Anders Svenningsen leben seit ihrer Geburt auf ihrem Elternhof bei Randers. Beide sind hochbetagt und Anton hat seine liebe Not, den geistig beeinträchtigten Anders alleine zu versorgen. Eigenwillig war Anders schon immer und manchmal auch schwierig, aber aufgrund seines hohen Alters und Anders’ zunehmendem Starrsinn stößt Anton immer öfter an seine Grenzen. Bald werden die beiden Männer ihr eingespieltes Leben ändern und den Hof verlassen müssen. Aber vorher gilt es noch etwas zu klären.

1978 gibt es auf dem Hof Schweine und Hühner, einen Obst- und Gemüsegarten, den Hund Soffi und jede Menge Arbeit. Da Anton und Anders Jakob wie einen Erwachsenen behandeln und im Gegensatz zu dessen Vater nicht ständig betrunken sind, ist Jakob gerne bereit, den Sommer auf ihrem Hof zu verbringen und mit anzupacken.

Als Ellen kurz darauf ihren Freund und die Kommune verlässt und mangels Alternativen ebenfalls auf den Svenningsen-Hof zieht, geht für die Männer die Sonne auf. Ellen versprüht eine Lebenslust, die ansteckend ist. Anders wird nahezu redselig und vertraut Ellen Dinge an, über die er noch nie mit jemandem gesprochen hat. Und als Jakob ihr erzählt später Architektur studieren zu wollen, verpasst sie ihm den Spitznamen »Utzon«.

Ellen mit ihren langen Haaren, den weiten Hosen und dem locker sitzenden Herrenhemd ist in Jakobs Augen die schönste Frau des Universums. Für sie würde es alles tun. Wenn er mit ihr durch die Gegend streift, sich mit ihr über Kunst und Architektur unterhält, oder beide zusammen im Stall arbeiten, dann weiß er kaum wohin mit seinen Augen und seiner Phantasie. Als die Schwester seines Kumpels Sten verschwindet und das Gerücht von einem Spanner die Runde macht, ist Jakob der felsenfesten Überzeugung Ellen beschützen zu müssen. Ein tragischer Irrtum.

Eine Reise in die Vergangenheit

Jetzt also 40 Jahre später soll Jakob Ellen für die Brüder ausfindig machen. Warum, ist ihm nicht klar. Denn das, was damals am Ende des Sommers geschah, hat Jakob vollständig verdrängt. Aber da ihm eine Pause von seinen Ehe- und Jobproblemen sehr gelegen kommt, macht er sich auf den Weg nach Jütland, um dort mit der Suche zu beginnen. Im Internet hat Ellen keine Spuren hinterlassen, das hat er schon geprüft.

Jakob trifft Sten wieder, der den Hühnerhof seiner Eltern übernommen und mehr schlecht als recht renoviert hat. Er ist geblieben, hat nie geheiratet und sich schließlich aufgegeben. Der Tod seiner Schwester, der nie vollständig geklärt wurde, hat Spuren hinterlassen, ebenso der Alkohol.
Jakob begegnet bei seinen Recherchen auch Laurel, der besten Freundin von Stens Schwester. Der Freigeist von damals, der auf sämtliche dörflichen Konventionen pfiff und gerne mit den Jungs aus der Kommune ein Bier trank, ist nun Kassiererin im Supermarkt. Auch Karsten, Ellens Ex, kann Jakob ausfindig machen. Aus dem dauerbekifften Hippie ist mittlerweile ein erfolgreicher Gründer und wohlhabender Geschäftsmann geworden, der den vergammelten Hof der Kommune gegen eine Luxusvilla eingetauscht hat. Was aber aus Ellen geworden ist, vermag keiner von ihnen zu sagen.

Verdrängte Erinnerungen

Die Tage vergehen ohne dass Jakob mit seiner Suche vorankommt. Da erleidet Anton einen Schlaganfall und kommt ins Krankenhaus. Jetzt ist es an Jakob Anders zu versorgen, ihn zu pflegen und ihm beim Wechseln der Kleider zu helfen. Als er bei dieser Gelegenheit Striemen und Narben auf Anders Gesäß entdeckt, beginnen die verdrängten Erinnerungen zurückzukommen. Und Jakob ahnt, warum Ellen damals Hals über Kopf den Hof verließ und welch große Schuld er selber daran trägt.

»Der Sommer mit Ellen« ist ein emotionaler und fesselnder Roman, der jeden, der noch an ein idyllisches Leben auf dem Land glaubt, endgültig eines besseren belehrt. Am besten lässt sich dieses Buch mit einem langsam heraufziehenden Gewitter vergleichen. Die Atmosphäre wird immer schwüler und drückender, die Erkenntnisse immer quälender, bis sich am Ende die Spannung entlädt und alle Fragen mit einem Donnerknall beantwortet werden. Ebenso schleichend baut sich übrigens auch die Spannung des Romans auf, weshalb man tatsächlich erst einige Seiten lesen muss, bevor die Begeisterung einsetzt. »Eine brillante Erzählerin!« urteilte 2018 die Jury des DR Romanpreises über Agnete Friis, ein hervorragender Übersetzer muss noch hinzugefügt werden. Dann ist eigentlich alles gesagt und hoffentlich die Neugier geweckt.

Ebenfalls besprochen wurde das Buch auf dem Blog Zeichen & Zeiten.


Cover Agnete Friis, Der Sommer mit Ellen

Agnete Friis
Der Sommer mit Ellen
Aus dem Dänischen von Thorsten Alms
ISBN 978-3-8479-0048-1
Eichborn

2 Antworten zu „Agnete Friis – Der Sommer mit Ellen“

  1. Ich lese es gerade und finde es bisher großartig. Auch wenn es düster und sehr derb ist, es viel Raum dem Unschönen und Hässlichen gibt. Aber wie Friis Szenen beschreibt, ist großartig. Viele Grüße

    1. Welch schöner Zufall, dass wir mal wieder parallel lesen. Und ich stimme Dir vollkommen zu, ein leichter, heiterer Sommerroman ist dies wahrlich nicht. Ich bin gespannt, wie Du das Ende und die Auflösung findest. Viele Grüße.