Marie Hermanson – Der Sommer, in dem Einstein verschwand

Cover Marie Hermanson, Der Sommer, in dem Einstein verschwand
Einsteins Geheimnis

Im Sommer 1923 feierte die Stadt Göteborg ihr dreihundertjähriges Bestehen mit einer großen Jubiläumsausstellung. Diverse Gartenanlagen, Kunst- und Industrieausstellungen, Restaurants, Cafés und ein Vergnügungspark luden zum Verweilen und Flanieren ein. Einer der Höhepunkte des Ausstellungsprogramms war bekanntermaßen Albert Einsteins Vorlesung in der Kongresshalle.
Was bis heute allerdings niemand weiß, ist, dass Einstein auf seiner Reise nach Göteborg verschwand. Tatsächlich war es Einstein lediglich Dank des beherzten Eingreifens dreier heute unbekannter Personen möglich, am 11. Juli auf dem Podium zu stehen und über seine berühmte Relativitätstheorie zu referieren. Diese drei Personen waren ein dreizehnjähriger Junge namens Otto und sein Esel Bella, die angehende Reporterin Ellen und der Kriminalpolizist Nils. Es ist ihre Geschichte, die Marie Hermanson in diesem lesenswerten Roman erzählt.

Eine aufstrebende Reporterin

Für Ellen ist ein Traum wahr geworden. Sie ist Volontärin bei der Ausstellungszeitung Krone und Löwe. Es ist ihr erster Job und obwohl unbezahlt, ein Schritt in die richtige Richtung. Ellens Ideal ist die Neue Frau, auch wenn der Anforderungskatalog in ihren Augen nicht ganz realistisch ist. Denn eine Neue Frau soll finanziell unabhängig, sportlich, lebenslustig und trinkfest sein, die Haare kurz tragen und nach durchtanzten Nächten morgens frisch und munter ihren künstlerischen Ambitionen nachgehen. Ungefähr so möchte Ellen sein, zumindest so unabhängig und selbstbewusst. Weshalb sie auch ohne zu zögern streikende Hafenarbeiter anspricht, um diese zu interviewen. Eine nicht ganz so gute Idee. Hätte der sympathische Polizist sie nicht aus der aufgeheizten Menschenmenge herausgezogen, wäre ihre Recherche sicherlich nicht so glimpflich ausgegangen.

Wenige Tage später begegnen sich Nils und Ellen wieder. Ellen, die bei ihrer Tante zur Untermiete wohnt, hat einen Gast belauscht, der ein Attentat auf Einstein zu planen scheint – und ist mit ihren Informationen zur Polizei gegangen. Wie sich herausstellt, ist dieser Gast kein geringerer als der Betrüger und Ganove Paul Weyland. Ein Mann, der es nicht nur versteht, dubiose Geschäfte elegant einzufädeln, sondern auch krude Schriften über die Bedrohung der „reinen“ Wissenschaft verbreitet und Einstein abgrundtief hasst.

Der Physiker, die Frauen und das liebe Geld

Während Ellen und Nils versuchen, den untergetauchten Weyland rechtzeitig ausfindig zu machen, ahnt Einstein nichts von alledem. Noch wähnt er sich im Ausland sicher. Im Gegensatz zu Berlin wird er hier gefeiert, ist populär und wird herumgereicht – was ihn ebenso irritiert, wie die stetig wachsende Bedrohung zuhause. Von seinen anderen Problemen mal ganz abgesehen. Seine Ex-Frau liegt ihm wegen des lieben Geldes in den Ohren, seine aktuelle Frau Elsa ist er leid und dass er sich in seine neue Sekretärin Betty verliebt hat, ist auch nicht unbedingt hilfreich. Am liebsten würde er sich daheim in seinem Turmzimmer verkriechen und die Welt Welt sein lassen. Aber nach Göteborg muss er, denn dort wird er den vom Nobelpreiskomitee geforderten Vortrag halten, das Preisgeld einstreichen und dann wenigsten das Versprechen gegenüber seiner Ex-Frau einlösen können.

Am Bahnhof in Göteborg hat sich bei Ankunft des Zuges ein Empfangskomitee samt Kapelle aufgebaut. Auch Ellen steht in der Menge, soll sie doch von dem Eintreffen Einsteins berichten. Der Zug fährt ein, aber Einstein steigt nicht aus. Hat er sich verspätet und vielleicht den Zug verpasst? Man wartet auf den nächsten und den nächsten und wieder nächsten. Und jedes Mal stimmt die Kapelle erneut das Begrüßungslied an, ohne dass der berühmte Gast auf den Bahnsteig tritt. Während Ellen Nils informiert und sich größte Sorgen um Einstein macht, sitzt dieser leicht derangiert am Strand und plaudert mit Otto.

Ironie des Schicksals

Otto und sein Esel Bella sind normalerweise die Stars im Kinderparadies der Ausstellung. Kein Pony, keine Ziege kann es an Beliebtheit mit Bella aufnehmen. Tagtäglich stehen die Kinder Schlange, um auf dem Esel reiten zu dürfen, während Otto Bella über das Gelände führt. Bella hingegen liebt nichts so sehr wie Pfefferminzpastillen. Als ein Herr mit einer Tüte jener Pastillen an ihr vorübergeht, geht sie durch, verletzt sich den Huf und wird samt Otto zur Genesung nach Hause geschickt. Als die beiden Einstein treffen, steht ihre Rückkehr zur Ausstellung kurz bevor. Dieses zufällige Treffen ist, wie sich im Verlauf der Geschichte herausstellt, tatsächlich Ironie des Schicksals – wie so viele andere Ereignisse in diesem Roman auch – was unter anderem seinen Charme ausmacht.

Neben aller Dramatik und Überraschungen bei der Verfolgung des Betrügers, neben der zarten Liebesgeschichte zwischen Ellen und Nils, gibt es immer wieder Szenen, bei denen ich mich köstlich amüsiert habe. Herrlich beschrieben ist zum Beispiel das Treffen zwischen Einstein und Niels Bohr in Kopenhagen. Die beiden sind so ihn ihr Gespräch vertieft, dass sie mehrfach vergessen aus der Straßenbahn auszusteigen und immer wieder verdutzt bemerken, dass sie erneut an der Endstation angekommen sind. Nur dadurch allerdings bemerkt Einstein, dass er verfolgt wird.

Ein großes Lesevergnügen

Bis Albert Einstein am Ende seine Vorlesung halten kann, Nils und Ellen zueinander finden und Paul Weyland dingfest gemacht wird, passiert allerhand. Aber nicht nur die rasante Geschichte und die überaus sympathischen Figuren machen Freude beim Lesen, es ist der Autorin und der Übersetzerin meiner Meinung nach auch hervorragend gelungen, den Sound der Zwanziger und die besondere Stimmung zu vermitteln, die in der Zwischenkriegszeit geherrscht haben muss. »Der Sommer, in dem Einstein verschwand« von Marie Hermanson ist ein ganz großes Lesevergnügen.

Marie Hermanson
Der Sommer, in dem Einstein verschwand
Aus dem Schwedischen von Regine Elsässer
Insel Verlag
ISBN 978-3-458-17846-0

Ebenfalls sehr empfehlenswert: Marie Hermanson – Der unsichtbare Gast

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