Mikael Niemi – Die Flutwelle

Die Flutwelle von Mikael NiemiWer schon einmal auf einer Staumauer gestanden hat, kennt vielleicht dieses mulmige Gefühl. Man blickt die meterhohe Betonwand hinunter und beobachtet, wie sich kleine Rinnsale hinabschlängeln und in einem Bach sammeln. Auf der anderen Seite drückt der See mit seinen gewaltigen Wassermassen dagegen. Und dann beginnt das Kopfkino. Was wenn der Damm bricht? Jetzt, in diesem Moment?
Genau dieses Szenario beschreibt Mikael Niemi in seinem Roman Die Flutwelle.

Seit Wochen hat es in Nordschweden ununterbrochen geregnet. Der Boden entlang des Store Luleälven ist durchweicht und die Wälder triefen vor Nässe. Die Menschen am Fluss sind nicht begeistert, aber was will man machen, es ist halt Herbst. Daran, dass sich in den nächsten Stunden eine Katastrophe biblischen Ausmaßes ereignen wird, denkt niemand. Jeder geht seinen Alltagsbeschäftigungen nach.

Gunnar Larsson hat sich mit seinem Freund zum Angeln verabredet, um wenigstens ein paar Stunden den Unflätigkeiten seiner dementen Frau zu entkommen. Lena Sundh sitzt mit ihrer Malgruppe am Flussufer unter Regenschirmen und versucht die Bewegung des Wassers auf Papier zu bannen. Lovisa Laurin ist auf dem Weg zu ihrem Vater. Sie will nach dem Rechten sehen und ihm erzählen, dass er Großvater wird. Adolf Pavval genießt die entspannte Fahrt in seinem Saab fern seines turbulenten Londoner Lebens.
Dann bricht der Staudamm und eine gigantische Welle aus Wasser, Schlamm und Geröll rauscht ins Tal und reißt alles mit sich.

Von einer Sekunde auf die andere kämpft jeder auf seine Weise ums nackte Überleben. Sie werden mitgerissen, können sich für kurze Zeit auf ein Hausdach retten oder in einen Helikopter, klammern sich an Bäume und Boote, versuchen andere zu warnen und sich gegenseitig zu helfen, oder nutzen rücksichtslos ihren eigenen Vorteil aus.
Sofia Pellebro klaut ein Motorrad und rast nach Hause, um ihre depressive Tochter aus dem Bett zu holen. Vincent Laurin, der sich gestern noch mit seiner Exfrau einen Pfingstrosenkrieg geliefert hat, rettet ihr heute das Leben. Und Lena Sundh bemüht sich nach Kräften und mit ihrem Taschenmesser, den jungen Mann am Leben zu halten, der sie vor einer Stunde noch aus der Malgruppe gemobbt hat.

Die Flutwelle ist ein packender Roman über eine mögliche Katastrophe. Er handelt nicht von menschlichem Versagen, Umweltschäden oder dem Klimawandel, sondern von Frauen und Männern, die von einer Sekunden auf die andere nur noch ein Ziel haben: retten, was ihnen lieb und teuer ist und sei es nur das eigene Leben. Atemlos verfolgt man ihre Geschichten bis zur letzten Seite, bangt und hofft. Am Ende klappt man das Buch zu und betritt so schnell keine Staumauer mehr.

Mikael Niemi
Die Flutwelle
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
ISBN 978-3-442-75401-4
btb Verlag

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