Mona Høvring – Was helfen kønnte

Cover Monika Hoevring Was helfen könnte
Schwimmen lernen

Mit neun Jahren lernt Laura schwimmen – nachts im Traum. Sie träumt, dass sie mit ihrer Mutter im Meer ist, von ihr gehalten und ermuntert wird. Lass dich vom Wasser tragen und vergiss nicht das Atmen, rät sie. Dann, als Laura sich sicher fühlt, lässt die Mutter sie los und Laura erwacht. Noch in der gleichen Nacht läuft Laura hinunter zum Meer und erprobt ihre neugewonnenen Fähigkeiten.

Zu diesem Zeitpunkt ist Lauras Mutter schon lange tot. Eines Sommertages, Laura ging in die erste Klasse, ist sie aus der Gartentür getreten, zum Strand hinunter gelaufen, hat einen großen Stein in die Arme genommen und ist ins Wasser gegangen.

Alles zerfließt

Seitdem ist Laura auf der Suche nach Trost und Halt. Aber alle, nach denen sie greift, scheinen ihr zu entgleiten und sich wie Pfützen in der Sonne zu verflüchtigen. Ihr drei Jahre älterer Bruder Magnus, zu dem sie früher ein enges Verhältnis hatte, verlässt das Elternhaus um zu studieren. Ihr unbeholfener Vater geht ebenfalls still seiner eigenen Wege und ist mehr auf See als bei seiner Tochter. Ihre beste Freundin Marie muss eines Tages in eine andere Stadt ziehen, weil die Mutter dort einen neuen Freund gefunden hat. Zurück bleiben lediglich ein paar Erinnerungsstücke: Zigaretten und ein Haarband.

Nur Andreas und Johanne, ein älteres Ehepaar vermag Laura eine Form von Geborgenheit zu geben. Sie bieten Laura einen Ankerplatz im Strudel des Erwachsenwerdens. Andreas ist Gärtner, der Laura lehrt, wie Pflanzen Wurzeln schlagen. In seiner ruhigen und bedächtigen Art beginnt er Laura für Botanik zu interessieren und ihr eine Zukunftsperspektive aufzuzeigen.

Bis Laura allerdings am Ende des Romans zum Studium nach England aufbricht, wird sie noch ihre Sexualität entdecken, mit der souveränen älteren Vivian Koller, die sie erstmals ihren Körper spüren und sehen lässt und mit dem gleichaltrigen Peter, dem Jungen aus dem Meer. Und sie wird versuchen sich das Leben zu nehmen.

Aquarelle

Das für mich faszinierende an dem Roman ist aber nicht was erzählt wird, sondern wie. Und dabei meine ich nicht nur die Präzision, mit der Autorin und Übersetzerin die Worte zu setzen wissen, sondern ganz besonders die Art und Weise wie der Roman von Wasser durchdrungen ist. Das Motiv des Wassers mit all seinen Implikationen scheint schier unerschöpflich zu sein, anders kann ich mir nicht erklären, wie oft man es verwenden kann ohne sich zu wiederholen. Natürlich, das Wasser ist für das Leben elementar, keine Frage, aber wie sich das sprachlich und erzählerisch in einem Text niederschlagen kann, das zeigt Mona Høvring in Perfektion und vor allem ohne zu langweilen.

Was mich ebenfalls begeistert hat, ist, die fast unmerkliche Entwicklung der Ich-Erzählerin Laura von einem registrierenden Kind zu einer reflektierenden Erwachsenen. Mit zunehmendem Alter ändern sich die Beschreibungen, Laura findet immer mehr Worte, benennt, was sie sieht und fühlt. Und sie beobachtet die anderen nicht nur, sondern beginnt sie einzuordnen und zu analysieren. Es ist wirklich erstaunlich, was auf 142 Seiten möglich ist.

Ich empfehle daher, sich für diesen wunderbaren und einfühlsamen Roman von Mona Høvring einen Nachmittag oder Abend Zeit zu nehmen und sich beim Lesen vor allem Zeit zu lassen. Dieses Buch will Wort für Wort genossen werden – dann entdeckt man auch, dass der Roman zu einer Zeit spielt, als man noch Kassetten hörte und Badekappen mit Plastikgänseblümchen trug.

Mona Høvring
Was helfen kønnte
Aus dem Norwegischen von Ebba D. Drolshagen
Im Anhang »Im Grunde verlasse ich die Arbeit nie«. Ein Gespräch mit Mona Høvring
ISBN 978-3-942374-98-9
edition fünf

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