Jonas Karlsson – Das Zimmer

Das Zimmer von Jonas KarlssonEine Behörde, die üblichen Angestellten, ein Ausnahmetalent und sein geheimes Zimmer.

Björn ist auf dem Weg ganz nach oben. Daran besteht kein Zweifel. Noch hält er sich gegenüber seinen neuen Kolleginnen und Kollegen zurück. Schließlich ist seine Versetzung noch frisch. Aber bald wird er ihnen schon zeigen, wer hier das Sagen hat.

Eigentlich hat ihm sein alter Job ja gut gefallen. Da wusste er, wie der Hase läuft. Dennoch muss er seinem Ex-Chef beipflichten, dass er dort seine Talente nicht richtig entfalten konnte. Hier in der neuen Behörde werde sich ihm gewiss ganz andere Chancen eröffnen. Da sind auch schlechtere Bezahlung, längere Arbeitszeiten und ein Schreibtisch im Großraumbüro akzeptabel.

Nach ein paar Tagen hat Björn in seinen gewohnten Arbeitsrhythmus gefunden. 55 Minuten konzentriertes Arbeiten, dann fünf Minuten Pause, um auf die Toilette zu gehen oder eine Tasse Kaffee zu trinken. Wenn nur sein hyperhilfsbereiter Tischnachbar Håkan ihn nicht dauernd mit irgendwelchen neuen Tipps und Ratschlägen unterbrechen würde. Zeit, ihn scharf zurechtzuweisen, zumal die Papierflut auf Håkans Schreibtisch auf seinen hinüber zu schwappen droht.

Auch der Rest des Teams scheint nicht gerade mit überragenden Fähigkeiten gesegnet zu sein. Ann wirkt zwar kompetent, mischt sich aber in alles und jedes ein und hat grundsätzlich recht. Der korpulente Jörgen muss ein Faible für das Banale und schmutzige Witze haben. Darauf deuten die Postkarten und Zettel hin, die an seiner Pinwand kleben. Und Karl, sein neuer Chef rüffelt ihn vor versammelter Mannschaft, weil er mit seinen Straßenschuhen den Fußboden verschmutzt. Als gäbe es nichts wichtigeres als Überschuhe. Nur Margareta vom Empfang scheint nett und sympathisch zu sein. Wahrscheinlich ist sie in ihn verliebt.

Eines Tages auf dem Weg zur Toilette kommt Björn an einer Tür vorbei, die ihm bislang noch nicht aufgefallen ist. Er öffnet sie und entdeckt ein unbenutztes Büro. Ein kleines Zimmer mit einem Schreibtisch, Regalen und Aktenordner. Es scheint wie für ihn gemacht. Immer öfter zieht sich Björn in seinen Fünf-Minuten-Pausen hierhin zurück, lehnt sich gegen die Wand und atmet durch. Bis ihn seine Kollegen fragen, was er denn da eigentlich triebe? Warum er reglos neben dem Altpapiercontainer stünde?

Björn scheint der einzige zu sein, der das Zimmer sehen und betreten kann. Es ist da, auch wenn dies laut Grundriss unmöglich ist. Vermutlich haben sich seine Kollegen gegen ihn verschworen, wollen ihn rausmobben und in den Wahnsinn treiben. Dem muss ein Riegel vorgeschoben werden. In Björn reift ein Plan. Er wird das Zimmer heimlich nutzen, um die Arbeit der anderen mustergültig und über nacht zu erledigen. Und dann, wenn alle rätseln, wer wohl dieses geniale Heinzelmännchen sein mag, wird er sich zu erkennen geben. Und befördert. Daran gibt es gar keinen Zweifel. Oder doch?

Jonas Karlsson hat mit »Das Zimmer« einen bitterbösen Roman über die verschiedenen Typen Mensch geschrieben, die an einer Arbeitsstätte aufeinandertreffen und dort auf Gedeih und Verderb miteinander auskommen müssen. Durch die Wahl eines Großraumbüros als Handlungsort spitzt er Situation zu. Hier gibt es kein Entkommen. Im Gegenteil, die Reibungsfläche und damit das Konfliktpotential werden noch vorgrößert. Und wehe dem, der aus der Schreibtischreihe tanzt.

Es muss Jonas Karlsson ein diebisches Vergnügen bereitet hat, alle diese unsympathischen, aber tatsächlich sehr normalen Menschen aufeinanderprallen zu lassen und den arroganten Ich-Erzähler vorzuführen. »Das Zimmer« ist ein herrlich perfides Kammerspiel, das die Absurditäten des Arbeitsalltages auf die Spitze treibt und zeigt, unter welch unmenschlichen Umständen doch so mancher sein Tagwerk verrichten muss.

Jonas Karlsson
Das Zimmer
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
ISBN 978-3-630-87460-9
Luchterhand

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