Ingvar Ambjørnsen – Echo eines Freundes

© Maja Bechert

Elling ist zurück – zurück in Oslo und einem selbstbestimmten Leben. Was zuvor geschah erfahren wir nicht, denn Elling hat sich geschworen, niemals darüber zu reden. Was vergangen ist, ist vergangen und kehrt nicht wieder. Dies soll nichts weniger als ein Neuanfang sein. Schließlich ist es die letzte Chance, sein Leben in Griff zu kriegen – so fühlt es sich für Elling zumindest an.

Alles nicht so einfach

Wenn ihm doch nur das Schicksal oder wer auch immer nicht ständig diese verdammten Knüppel zwischen die Beine werfen würde, wenn nicht bei jedem Schritt irgendein Fettnäpfchen auf ihn lauern und zu Peinlichkeiten einladen würde. Das Leben ist nicht leicht, und schon gar nicht wenn andere Menschen mit ins Spiel kommen.

Aber er wird schon zurechtkommen, er muss, etwas anderes darf er nicht zulassen. Jeder Anflug von Angst und Unsicherheit muss im Keim erstickt werden. Aber wie macht man das eigentlich, wenn einem sogar die Schimmelpilze auf der Nase herumtanzen und Alpträume verursachen?

Ganz einfach – man ermutigt sich selber und geht zum Angriff über. Viel zu lange ist Ambivalenzius Jensen sein treuer Freund gewesen. Ihn jedenfalls würde er nicht vermissen im Gegensatz zu seinen einzigen, echten Freunden Kjell Bjarne und Alfons Jørgensen. Beide sind mittlerweile verstorben und haben in Ellings Herz eine große Lücke hinterlassen.

Es waren einmal drei Freunde

Immer wenn er vor dem Pfandautomaten steht und darauf wartet, dass sein Bon ausgespuckt wird, treten ihm bei dem Gedanken an Kjell Bjarne, der so stolz auf seinen Job im Supermarkt war, die Tränen in die Augen. Dieser große, gutmütige, immer essende und über Frauen schwadronierende Kerl fehlt im unendlich. Und auch Alfons, den Poeten und feinsinnigen Literaten vermisst er schmerzlich.

Aber es hilft alles nichts, sein Leben ist noch nicht zu Ende, auch wenn sich Elling manchmal nicht ganz sicher ist, wie er diese Tatsache bewerten soll. Und so dürfen wir in diesem Buch Elling auf seinen Weg zurück ins Leben begleiten. Das mag sich vielleicht traurig anhören, aber wer Elling kennt – sei es aus den vorherigen Büchern oder aus dem gleichnamigen Film – der weiß, dass Elling in seinem Bestreben das Selbstbewusstsein zu erlernen, skurrile Situationen provoziert und durchaus mal über das eine oder andere Ziel hinausschießt. Ein Schmunzeln kann man sich dabei trotz aller Tragik und Melancholie nur ganz schlecht verkneifen.

Eine Hymne auf Leber und Käsebrot

Sehr charmant finde ich, dass Elling den kleinen Dingen des Alltags sehr viel Positives abgewinnen kann. So rühmt er in einem Facebook-Post die Vorteile des Brettes im Seven Eleven, an das man sich so wunderbar anlehnen kann, während man sein Würstchen mit Senf genießt. Überhaupt schreibt er dort herrliche Elogen auf Leber mit Sahnesoße oder Makrele in Tomate. Auch Häppchen und Schnittchen mit Rührei und Räucherlachs, Krabben, Leberwurst und Gewürzgurken stehen bei ihm hoch im Kurs. Und was wäre ein Käsebrot ohne Paprika?

Ja, eine gute Ernährung ist wichtig. Und weil das so ist, freut er sich auf das Essen mit seiner Vermieterin an jedem letzten Sonntag im Monat und über den kleinen Spar, der alles bereit hält, was ein Junggeselle braucht – außer Leber, die der Supermarkt aufgrund mangelnden Absatzes nicht mehr vorrätig hält, was wirklich ein Skandal ist.

Eine riskante Sache

Aber das Leben könnte schlimmer sein, da braucht er nur einen Blick in den Auslandsteil der Zeitung zu werfen. Immerhin hat er eine eigenen Wohnung, auch wenn diese dunkel und schimmelig ist, eine Aufgabe (er sammelt Flaschen in Erinnerung an Kjell Bjarne), Frauen, die ihn zuvorkommend behandeln (die beiden Kassiererinnen im Supermarkt und seine Vermieterin) und ein wirklich überzeugendes Facebook-Profil. (Sein Alter Ego Chris strotzt vor Energie, ist lässig, äußerst selbstbewusst und wahnsinnig reflektiert). Im Schwan Buch & Café ist er ein gern gesehener Gast, der auch mal mit einem Stück Kuchen verwöhnt wird.

Elling ist wirklich auf einem guten Weg, einem sehr guten sogar – bis er eines Tages in einen ernsten Konflikt mit sich selber gerät. Soll er seinen Schwur brechen und über die Vergangenheit reden, oder soll er die Lüge, die er in einer Literaturzeitung entdeckt hat, korrigieren? Soll er tatsächlich preisgeben, dass er, Elling, mit dem großen Poeten Alfons Jørgensen, über den die Zeitung hier schreibt, befreundet war, nur um ein kleines Detail über Alfons richtig zu stellen? Ja, wenn man bloß immer genau wüsste, was richtig und was falsch ist, und was welche Konsequenzen nach sich zieht, dann wäre das Leben wirklich sehr viel einfacher – nicht nur für Elling.

Macken hat wohl jede(r)

Und genau das macht für mich unter anderem den Charme dieses Buches aus. Irgendwie sind wir doch alle ein bisschen wie Elling, haben unsere Selbstzweifel, Ängste und Macken. Kehren noch einmal um, um nachzuschauen, ob der Herd wirklich aus ist, haben einen Glücksbringer in der Tasche, oder werden panisch, wenn sonntags kein Kaffee mehr im Haus oder noch schlimmer, der Stapel ungelesener Bücher gefährlich geschrumpft ist.

Was mir aber genauso gut an dem Buch gefällt, ist die überbordende Phantasie des Autors. Dieses Feuerwerk an Ideen und Bildern ist einfach großartig und immer wieder überraschend. Auch deshalb ist die Lektüre von Ingvar Ambjørnsens »Echo eines Freundes« trotz aller Melancholie ein ganz großes Vergnügen.

Ingvar Ambjørnsen
Echo eines Freundes
Ein Elling-Roman
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
ISBN 978-3-96054-183-7
Edition Nautilus

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für die Erinnerung an Elling, liebe Anke. Mit der Besprechung des „neuen“ Elling erinnerst Du mich daran, endlich den Ur-Elling zu lesen, der steht noch ungelesen in meinem Regal. Dabei ist der doch Kult…Viele Grüße

    • Herzlich gerne, liebe Constanze. Ich habe zugegebenermaßen auch noch nicht alle Elling-Bücher gelesen. Und dass ich den Film bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck gesehen habe, ist auch schon viel zu lange her. Beste Grüße

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