Christina Hesselholdt – Vivian

Cover Christina Hesselholdt, Vivian
Fotografin und Kindermädchen

Die Fotografie eines Schulhofs in Chicago, aufgenommen im Juni 1971. Im Hintergrund ein Backsteingebäude mit einem Fahrradständer und etlichen Bonanza-Rädern. Im Vordergrund Tische mit leeren Tabletts, die man für einen Saftstand nach draußen getragen hat. Hinter einem der Tische steht eine Frau in einem kurzen, hellen Kleid und blickt mit zusammengekniffenen Augen in die Sonne. Unter dem Tisch sitzt ein kleines Mädchen in karierten Hosen im Schatten. Wer die beiden auf dem Bild sind? Wir wissen es nicht. Auch nicht ob die Frau die Mutter des Mädchens ist und in welchem Verhältnis die beiden zu der Fotografin stehen. Die Frau könnte Sarah Rice heißen und das Mädchen Ellen. Die Fotografin jedenfalls heißt Vivian Maier – soviel wissen wir. Und sie könnte das Kindermädchen der kleinen Ellen gewesen sein. Wie gesagt, könnte.

Auf einem anderen Bild erklimmt ein kleines Mädchen die steile Leiter einer Rutsche. Ihrem Aussehen nach könnte es das Mädchen vom Saftstand sein. Ist sie im Gegensatz zu den anderen Kindern vielleicht alleine auf der Leiter, weil das Kindermädchen lieber fotografiert als aufpasst? Das wäre denkbar. Tatsächlich stammt die Aufnahme mit der Rutsche aus dem Jahr 1955, ist also viel früher aufgenommen worden, als das Bild von dem Saftstand. Nichtsdestotrotz könnte das Mädchen auf der Leiter ein Schützling Vivian Maiers gewesen sein. Wissen tun wir das nicht, weil es dafür keine Belege gibt.

(K)eine Mary Poppins

Vivian Maier hat im Laufe ihres Lebens viele Kinder betreut und in vielen Haushalten gelebt. Deshalb steht die Familie Rice in Christina Hesselholdts Roman stellvertretend für sie alle. Und deshalb ist das Mädchen auf den erwähnten Fotos im Roman in beiden Fällen Ellen. Sonst wäre der vielstimmige Kanon an Erzählerinnen und Erzählern, aus dem dieses Buch besteht, sicherlich in einer Kakophonie geendet. Das besondere an diesem Buch ist nämlich die Art, wie Christina Hesselholdt Vivian Maiers Geschichte erzählt.

Ein namenloser Erzähler aus der Gegenwart, Sarah, Peter und Ellen Rice, Vivians Tante Alma, ihre Mutter Maria, Jeanne Bertrand, Vivians Freundin und Lehrmeisterin, Mr. und Mrs. Marsh, die auf die Familie Rice folgen, ja sogar Sarahs Psychologin, samt Vivian Maier selbst kommen zu Wort. Sie alle berichten von Begegnungen und Ereignissen, kommentieren diese aus ihrer jeweiligen Sicht. Auf diese Weise skizzieren sie ein differenziertes Bild der Frau, die der Nachwelt ein unvergleichliches fotografisches Werk hinterlassen hat. Und viele Rätsel.

Vivian Dorothea Maier

Vivian Dorothea Maier wird am 1. Februar 1926 in New York City geboren. Ihre Mutter Maria stammte aus den französischen Alpen, ihr Vater aus Österreich. Als sie drei Jahre alt ist, trennen sich die Eltern. Sie bleibt bei der Mutter, ihr sechs Jahre älterer Bruder beim Vater. 1956 zieht sie nach Chicago und arbeitet die meiste Zeit ihres Lebens als Kindermädchen. Vivian Maier heiratet nie, hatte keine eigenen Kinder und kaum Freunde.

Sie reist alleine – nach Frankreich, nach Kanada, nach Südamerika und in den Mittleren Osten. Sie besuchte die Karibik und Asien. Ihre Kamera ist immer dabei. Sie ist ein Freigeist und eine besessene Sammlerin von Büchern, Zeitungsausschnitten, Filmen und Fundstücken von der Straße. Am Ende ihres Lebens ist ihre Habe so angewachsen, dass sie sich in Mengen von Kartons in mehreren Lagerhäusern stapelt.

2007 entdeckt der Filmemacher und Fotograf John Maloof Vivian Maiers Bilder auf einer Auktion und macht diese der Öffentlichkeit zugänglich – und Vivian Maier, die am liebsten hinter ihrer Kamera verschwand, posthum zu einem Star.

Ein Erzähler hat Fragen

Viel weiß man nicht über Vivian Maier, weil es kaum persönlichen Aufzeichnungen von ihr gibt und ihr nur wenige nahe standen. Und was lässt sich schon herauslesen aus den über 100.000 Negativen, von denen Vivian Maier nie einen Abzug angefertigt hat, weil ihr schlicht das Geld bzw. eine Dunkelkammer fehlte? Tatsächlich sind noch über 2000 Filmrollen nicht entwickelt. Was sagt dies über die Fotografin aus? Über ihre Motivation? Welche Bilder hätte sie aussortiert, welche nicht? Und warum hat sie nie versucht, von ihren Fotografien zu leben, wo sie doch eine Zeit lang bei der berühmten Porträtfotografin Jeanne Bertrand zur Untermiete gewohnt hat und ihr diese Inspiration und Vorbild war? Warum hat sie, der Freiheit und Unabhängigkeit über alles ging, sich als Kindermädchen verdingt und den Großteil ihres Lebens am Rande anderer Familien verbracht? Darüber lässt sich wirklich trefflich spekulieren, imaginieren und nachdenken.

Und genau dies tut der namenlose Erzähler im Buch. Nach und nach tritt er immer enger und intensiver in einen Dialog mit den anderen Charakteren und Vivian Maier. Wie Christina Hesselholdt das erzählerisch umsetzt, finde ich absolut großartig und faszinierend. Wie bei einer Fotografie vermischt sich die Zeit des Betrachters mit der Zeit der Aufnahme, übernimmt der Blick des Erzählers die Perspektive der Fotografin. Andere betreten die Bühne, bzw. Straße, sind Randfiguren oder blicken dem Erzähler direkt ins Auge.

Ein Bild sagt mehr

Die Fotografie ist eine stille Branche, heißt es an einer Stelle des Buches und doch sind gerade die Bilder Vivian Meiers sehr beredt. Weil die Menschen auf den Straßen New Yorks und Chicagos nicht stocksteif vor einer Leinwand sitzen, sondern agieren, einander beobachten, laufen, reiten, sich tief in die Augen schauen. Auch wenn die Bilder Momentaufnahmen sind, so erzählen sie doch Geschichten. So wie dieses Buch die Geschichte Vivian Maiers erzählt – aus unterschiedlichen Perspektiven.

Ich muss gestehen, dass ich mich vor der Lektüre dieses Buches kaum für Vivian Maier und ihre Bilder interessiert habe, für das Werk von Christina Hesselholdt schon. Und so habe ich durch dieses Buch die Bücher von Christina Hesselholdt wieder- und Vivian Maiers Fotografien entdeckt. Man könnte in diesem Fall auch sagen: Lektüre zieht Lektüre nach sich. Die beiden Frauen und ihre Werke werden mich ganz bestimmt noch längere Zeit beschäftigen und vor allem begeistern.

Christina Hesselholdt
Vivian
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
ISBN 978-3-446-26589-9
Hanser Berlin

Ich habe absichtlich keine Bilder von Vivian Maier in diesen Blogbeitrag eingefügt, denn es gibt eine wunderbare Website, www.vivianmaier.com, die zum Entdecken von Vivian Maiers Werk einlädt. Nehmt euch die Zeit und scrollt nach der Lektüre von Christina Hesselholdts Buch durch die Portfolios. Es ist ein Erlebnis. Die beiden im Beitrag erwähnten Fotografien finden sich im Portfolio Street 4.

Eine weitere Besprechung findet ihr auf dem Blog literaturleuchtet.

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich kenne die Besprechung von Marina (literaturleuchtet). Ich glaube, nun komme ich wirklich nicht um dieses Buch. Spannend, wie mehr und mehr an Fotografinnen gedacht wird. Ich habe gestern ein wundervolles Buch über die Fotografin Gerda Taro, Partnerin von Robert Capa, zu Ende gelesen. Viele Grüße

    • Und ich muss dann wohl das Buch über Gerda Taro noch auf meine Leseliste setzen. Was ich gerade auf der Verlagsseite dazu gelesen habe, hört sich sehr spannend an. Ich freu mich schon auf Deinen Blogbeitrag. Danke für den Tipp und viele Grüße.

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