Bergsveinn Birgisson – Die Landschaft hat immer recht

Cover Bergsveinn Birgisson Die Landschaft hat immer recht
Zwei Perspektiven

Wenn Touristen den Geirmundarfjör∂ur besuchen, dann können sie sich meist vor Verzückung kaum bremsen. »Das muss das Paradies sein«, bekommen die Einwohner immer wieder zu hören. »Diese beeindruckenden Berge mit ihren Gletschern, diese satten Wiesen mit den entzückenden Lämmern, dieser unglaubliche Fjord mit seiner sanften Brandung – wie unvergleichlich schön habt ihr es hier.«

Während die Touristen nach wenigen Stunden wieder in ihre Busse steigen und beseelt von dannen rauschen, bleiben Halldór und die anderen mit ihren alltäglichen Sorgen und Nöten zurück. Und davon haben sie nicht gerade wenige.
Den Fischern machen die Fangquoten zu schaffen, Geld ist Mangelware, immer wieder fällt der Strom und der Fernsehempfang aus. Und die Jugend zieht es Richtung Reykjavik zu Pubs, Partys und Kabelfernsehen.

Die Zivilisation hält Einzug

Früher hatte jeder Hof seinen eigenen Bootssteg. Heute sinkt ein verfallenes Haus nach dem anderen in sich zusammen und wird von Gras überwachsen.
Halldórs Verwandter Dufgus kann sich noch gut daran erinnern, wie das Aussterben ihrer Lebensart begann. Als kleiner Junge durfte er beim Entladen eines Schiffes helfen, das Güter für den Kaufmann an Bord hatte. Er staunte nicht schlecht, als er das schneeweiße Keramikdings sah und erfuhr, dass der Kaufmann in so etwas Schönes zu scheißen gedachte.

Jahre später hat sich das Klosett auch am Geirmundarfjör∂ur durchgesetzt. Aber manch andere technischen Errungenschaft der Neuzeit wird noch immer als wahre Teufelei betrachtet.
Es gibt in diesem Buch eine wirklich herrliche Passage in der sich der Pfarrer und der Dichter eines abends in Rage reden, den Niedergang der isländischen Kultur beweinen und gegen Mobiltelefone, Turbokapitalisten und Seifenopern wettern, die die Menschen in Reykjavik verblöden und zu seelenlosen Exemplaren ihrer Spezies verkommen lassen.

Wenn nur noch die Bewunderung des Wollgrases bleibt

Nun muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass der Pfarrer einen geheimen Traum hat, der ein winziges bisschen seine Wut und seinen Frust erklärt.
Der Pfarrer wäre gerne reich. Und ab und zu glaubt er eine zündende Idee zu haben, wie er dieses Ziel schnell und ohne große Umstände erreichen kann.
So wie damals, als er mit einem Heizgebläse die Trockenfischproduktion beschleunigen wollte und sein Holzhaus dermaßen überheizte, dass die Fensterscheiben barsten und sich das Holz verzog.
Den Pfarrer deshalb jedoch zu entlassen, würde hier am Fjord keinem in den Sinn kommen. Denn wer würde einen wahnsinnigen und cholerischen Pfarrer heute noch einstellen? Keiner. Und wovon soll der arme Mann dann Leben?

Fürsorge, ein große Portion Lebensweisheit und trockener Humor sind die Eigenschaften, die für die Menschen am Geirmundarfjör∂ur überlebenswichtig sind und ihnen helfen, auch in widrigen Lagen Kurs zu halten. Gerät der eine in stürmische See, so sind die anderen mit Rat und Tat zur Stelle. Halldór zum Beispiel, der das Leben am Fjord in seinem Tagebuch festhält und der Erzähler des Romans ist, hat mit zwölf seinen Vater verloren. Seine Mutter hat wieder geheiratet und ihn zurückgelassen. Seine Geschwister melden sich kaum bei ihm. Ein eigenes Haus hat er auch nicht, sondern wohnt mit den anderen Fischern zusammen in einem Wohnheim. Aber dort halten sie zusammen, auch wenn die beiden Brüder Ebbi und Bensi grundsätzlich nie einer Meinung sind.

Frauen lesen lernen

Trotz dieser engen Gemeinschaft fühlt Halldór sich einsam. Dass er jemals hier am Fjord eine Partnerin finden wird, ist unwahrscheinlich. Die Zeiten, als die Mädchen aus dem Fjordinneren zur Salzfischarbeit kamen, sind lange vorbei. Die Männer sind in der Regel unter sich. Und so ist Halldór mehr als verunsichert, als sich Arnhei∂ur auf die Stelle der Haushälterin bewirbt und er sich sofort in sie verliebt. Als er jedoch ein Rendezvous nach dem anderen vermasselt, verfällt Halldór in eine tiefe Depression.

Was soll er nur tun, um so etwas wie Glück und Seelenfrieden zu finden? Warum nur ist er nicht in der Lage die Frauen zu lesen, wie er die Wellen und die Berge lesen kann? Die Landschaft sagt ihm, wann er zum Fischen hinausfahren kann, aber wie man mit Frauen umgeht, verrät sie ihm nicht. Doch gerade als Halldór glaubt, dass ihm in dieser Welt nur die Bewunderung des Wollgrases bleibt, öffnet ihm der alte Jónmundur die Augen.

Dem Urheber der Fisch sei Dank

Bergsveinn Birgissons Roman stand schon länger auf meiner Will-ich-unbedingt-lesen-Liste, weil ich bereits so viel Gutes darüber gehört und gelesen hatte. Zwischen den Jahren hatte ich nun endlich Zeit, mich in dieses wunderbare Buch zu vertiefen. Besonders gut haben mir die lakonische Erzählweise und der trockene Humor gefallen. Ich mag diesen Sagasound wirklich sehr, der unter anderem dadurch entsteht, dass große Emotionen und existenzielle Ereignisse vollkommen nüchtern und unkommentiert beschrieben werden. Und Halldórs Lobgesang auf das Wollgras ist die schönste Naturbeschreibung, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Dem Urheber der Fische jedenfalls sei Dank, dass dieser warmherzige und ganz besondere Roman von Bergsveinn Birgisson geschrieben und von Eleonore Gudmundsson übersetzt wurde.

Bergsveinn Birgisson
Die Landschaft hat immer recht
Aus dem Isländischen von Eleonore Gudmundsson
ISBN 978-3-7017-1695-1
Residenz Verlag

Eine weitere Besprechung auf dem Blog Zeichen & Zeiten:
https://zeichenundzeiten.com/2018/02/01/bergsveinn-birgisson-die-landschaft-hat-immer-recht/

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