Steinunn Sigurdardóttir – Heidas Traum

Kein Traum

»Heiđas Traum« ist ein etwas irreführender Titel für dieses ungewöhnliche und faszinierende Porträt einer isländischen Bäuerin. Denn Heiđa ist weder verträumt noch hat sie Zeit zum Träumen.
Mit 23 Jahren hat sie den Hof ihrer Eltern samt 500 Schafen übernommen. Ein Hof, der seit dem 12. Jahrhundert bewirtschaftet wird und etlichen Ausbrüchen des Vulkans Katla getrotzt hat.

Heiđa gefällt die harte Arbeit: die Lammzeit, das Heumachen, der Schafabtrieb im Herbst, die Schur und die vielen Instandhaltungsmaßnahmen, die so ein Hof mit sich bringt. Es ist ein Knochenjob, den Heiđa aber als Privileg empfindet. Denn schließlich schuften die Leute in der Stadt genauso hart wie sie, müssen aber horrende Mieten für wenige Quadratmeter zahlen. Sie hingegen verfügt über einen sechstausend Hektar großen Garten, ist selbstständig und kann jederzeit auf ihr Quad steigen und über die Weiden brausen.

Bis an die eigenen Grenzen und darüber hinaus

Dass sie für dieses Privileg manchmal an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen muss, ist für sie keine Frage. Es gibt einfach Dinge, die getan werden müssen, ganz gleich ob man dazu gerade Lust hat, das Wetter mitspielt oder es in den Terminplan passt. Wer Heu haben will, muss welches machen, wer zusätzlich Geld braucht, muss sich einen weiteren Job suchen, wer kein Kraftwerk vor seiner Haustür haben will, muss dagegen vorgehen.

Deshalb sitzt Heiđa im Sommer Tag und Nacht auf ihrem Traktor. Im Frühjahr verdient sie sich als Trächtigkeitskontrolleurin Geld dazu. Dann zieht sie bei Wind und Wetter von Hof zu Hof und stellt dort fest mit wie vielen Föten ein Schaf trächtig ist. Als in der Nähe ihres Hofes ein Kraftwerk samt Stausee gebaut werden soll, geht sie in die Lokalpolitik, um die Zerstörung der Natur zu verhindern.

Gegen den Strom

Letzteres bringt Heiđa dann tatsächlich an den Rand ihrer Kräfte. Denn während sie zusätzlich zu ihrem Kampf gegen das Kraftwerk noch Hof und Schafe versorgen muss, können die Männer des Energieunternehmens in Vollzeit gegen sie arbeiten. Dass es dem Energiekonzern letztendlich nicht gelingt, einen Wald aus der Landnahmezeit und etliche Hektar bestes Weideland zu vernichten, ist sicherlich größtenteils Heiđas Beharrlichkeit und Risikobereitschaft zu verdanken.

Der Autorin Steinunn Sigurđadóttir hingegen und der Übersetzerin Tina Flecken ist es zu verdanken, dass wir diese wirklich beeindruckende Frau kennenlernen und ein Jahr lang begleiten können, mit ihr lachen, bangen und fluchen. Und von ihr lernen – nämlich das zu tun, was man selber für gut und richtig hält und auf die Meinung der anderen zu pfeifen.

Eine Frage der Haltung

Für Heiđa hätte der Traum vieler Mädchen wahr werden können, nämlich als Model in New York zu arbeiten. Nur war dies nicht Heiđas Traum. Die Angebote waren da, das Interesse an ihr groß, aber während der Lammzeit zuhause zu sein, war für sie wichtiger. Manchem mag diese Entscheidung befremdlich und eigenwillig erscheinen – das Land der Großstadt vorziehen und die finanzielle Abhängigkeit von Wind und Wetter einer guten Bezahlung. Für Heiđa hingegen war die Entscheidung den Hof aller familiären Widerstände zum Trotz zu übernehmen und in die Lokalpolitik zu gehen viel bedeutender, denn dazu musste sie über ihren eigenen Schatten springen und ihre Stimme erheben, was sonst so gar nicht ihre Sache ist.

Ich muss gestehen, dass mir Heiđa während der Lektüre ans Herz gewachsen ist, weil sie über sich selbst lachen kann, weil sie Gedichte über Traktoren schreibt, weil sie flucht und ein Planungsfreak ist, weil sie bei einem Wutanfall auch mal mit Gegenständen um sich wirft, weil sie zu sich und ihren Schwächen steht, weil sie auch ihre dunklen Seiten akzeptiert und den Geruch von Öl und Benzin liebt. Heiđa ist Heiđa, ohne wenn und aber.

Steinunn Sigurđardóttirs Buch ist ein Meisterwerk, denn der Autorin gelingt es, Heiđas Persönlichkeit in all ihren Facetten zur Geltung kommen zu lassen. Und sie lässt Heiđas Lebensgeschichte mit all ihren Widersprüchlichkeiten, Wendungen und Zufällen so stehen wie sie ist und erliegt nicht der Versuchung zu glätten oder abzurunden. Dafür verdient die Autorin, die übrigens auch großartige Romane schreibt, den allergrössten Respekt.

Mehr von Steinunn Sigurđardóttir auf meinem Blog.


Cover Steinunn Sigurdardottir Heidas Traum

Steinunn Sigurđardóttir
Heiđas Traum
Eine Schäferin auf Island kämpft für die Natur
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
ISBN 978-3-446-26032-0
Carl Hanser Verlag


Foto von Lance Anderson auf Unsplash