Jussi Valtonen – Zwei Kontinente

Cover Jussi Valtonen Zwei KontinenteEine rasante Berg- und Talfahrt

Dieses Buch ist unerträglich spannend und hervorragend geschrieben. Tatsächlich gehört es zu dem Besten, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Dass ich dies einmal behaupten würde, hätte ich nach den ersten hundert Seiten allerdings nicht gedacht. Denn der Roman ist so vielschichtig angelegt, dass er eine Zeit lang braucht, um Fahrt aufzunehmen. Dann allerdings kann man kaum mehr aufhören zu lesen. Wie in einer Achterbahn wird man langsam in den Roman hineingezogen, um dann Hals über Kopf in eine rasante Berg- und Talfahrt mit vielen überraschenden Wendungen und Kurven zu stürzen. Am Ende klappt man das Buch erschüttert zu.

Grenzenlose Liebe

Die Geschichte beginnt 1992 auf einer Konferenz in Italien als sich der amerikanische Neurowissenschaftler Joe und die finnische Absolventin Alina ineinander verlieben. Zurück in den USA löst Joe seine Verlobung, schlägt eine Professur an der UCLA aus und zieht zu Alina nach Helsinki. Schließlich war es schon immer sein Traum, ein paar Jahre in Europa zu leben. Und über Finnland hat er schon viel Gutes gehört: Dass finnische Toilettenbauer eine zwei Tasten-Spülung erfunden haben, dass Bierflaschen nicht in den Müll geworfen werden und der Staat die Studenten subventioniert. Außerdem ist dies die Gelegenheit, endlich einmal nicht das zu tun, was seine Eltern und Freunde von ihm erwarten.

Das Harvard-Syndrom

Keine zwei Jahre dauert es, bis Joe die Ernüchterung einholt, oder, wie seine Freunde sagen, das Harvard-Syndrom, sprich das Gefühl, etwas Besseres verdient zu haben als man hat. Plötzlich sind Joes finnischen Kollegen an der Uni rückständig und unmotiviert. Alina ist seit der Geburt ihres Sohnes permanent schlecht gelaunt und abweisend. Und die finnische Sprache und Kultur wird für ihn immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Also packt Joe seine Koffer und geht zurück in die USA, macht Karriere und gründet eine neue Familie.

Alina hingegen ist, nachdem sie den ersten Schock überwunden hat, erleichtert. Endlich muss sie ihre Heimat nicht mehr verteidigen und bei Joe um Verständnis für finnische Gepflogenheiten werben. Ihr Interview-Buch über bikulturelle Ehen, das sie nach einer Therapie schreibt, wird ein Riesenerfolg und sie zur gefragten Expertin. Auch sie heiratet wieder und bekommt zwei weitere Söhne. Mit Joe hält sie über die Jahre hinweg nur lose Kontakt. Mehr scheint ihr aufgrund der großen Distanz nicht möglich, trotz des gemeinsamen Sohnes. Und Joe ist so sehr mit seiner neuen Familie und seiner Karriere beschäftigt, dass es ihm auch nur sporadisch einfällt sich bei Alina zu melden.

Eine unfassbare Bedrohung

Doch dann wird Joe das Ziel militanter Tierschutzaktivisten. Sein Büro an der Universität wird verwüstet und er erhält Drohbriefe der übelsten Sorte. Als seinen Töchtern eine Nagelbombe zugeschickt wird, die glücklicherweise nicht explodiert, ist das Maß voll und die gesamte Familie wird unter Personenschutz gestellt. Bei einem ihrer seltenen Telefonate erfährt Joe von Alina, dass sein eigener Sohn Samuel in die Attentate involviert sein könnte. Auch die Ermittlungen des FBI weisen in diese Richtung. Da scheint es doch stark untertrieben, wenn Alina behauptet, Samuel hätte nur ein paar kleine juristische Probleme.

Joe versteht die Welt nicht mehr. Wie konnte es soweit kommen? Warum hasst ihn sein Sohn? Kann Samuel es ihm wirklich so übel genommen haben, dass Joe nicht, wie angekündigt, zu seiner Abiturfeier erschienen ist? Oder stecken dahinter tatsächlich psychische Probleme, Liebeskummer, der sich in Frust verwandelt hat? Aber wie soll er nachvollziehen, was in seinem fernen Sohn vorgeht, wenn er noch nicht einmal seine Töchter zuhause versteht. Denn wie bitte kann man sich von einer dubiosen Firma als Werbeplattform im Internet missbrauchen lassen, nur um als erste die neue Luxushandtasche zu besitzen?

Je länger die bedrohliche Situation anhält und die Hysterie wächst, desto weniger ist es Joe möglich noch rational zu denken, geschweige denn vernünftige Entscheidungen zu treffen. In seiner Vorstellung mutiert Samuel zu einem Monster, das seine Familie auslöschen will. Da ist es schon beruhigend, eine geladene Waffe im Haus zu haben.

Alles eine Frage der Perspektive

Das Besondere an diesem Roman ist das geschickte Spiel mit den unterschiedlichen Erzählperspektiven. Joe, Alina und Samuel schildern die Ereignisse und das Verhalten der anderen aus ihrer persönlichen Sicht. Jeder hat seine eigene, gut begründete Wahrheit, die keineswegs mit der der anderen übereinstimmt. Dazwischen steckt die Leserin, die ihrerseits bei der Lektüre ständig ihre Annahmen korrigieren muss, da die Figuren so überzeugend sind, dass man erst einmal uneingeschränkt dem- oder derjenigen glaubt, die gerade spricht.

»Zwei Kontinente« von Jussi Valtonen ist ein hochintelligentes Buch über interkulturelle Differenzen und die enorme Herausforderung, zwischen richtig und falsch, Wahrheit und Fake News zu unterscheiden. Ein äußerst aktueller Roman also.

Jussi Valtonen
Zwei Kontinente
Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat
ISBN 978-3-492-05731-8
Piper Verlag

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