Torbjørn Ekelund – Im Wald

Ekelund Im WaldEin Mann, ein Tarp, ein Wald, vier Jahreszeiten, zwölf Mikroexpeditionen und ein paar Elche.

Andere Männer in der norwegischen Literatur verlassen ihre Familie und leben mit einem Elch zusammen oder sie streifen wochenlang als einsame Wölfe durch die Wälder. Der Journalist und Autor Torbjørn Ekelund nimmt sich lediglich einmal im Monat eine Auszeit von vierundzwanzig Stunden. Ein Jahr lang geht er auf Mikroexpedition in die Nordmarka, dem Waldgebiet nördlich von Oslo, meistens alleine, einmal mit seinem Sohn, ein anderes mal mit Freunden. Und jedes Mal ist er hinterher um eine Erfahrung reicher.

Torbjørn Ekelund war schon als Kind gerne draußen und träumte davon, irgendwann als großer Forschungsreisender die letzten weißen Flecken auf der Landkarte zu erschließen. Stattdessen wird er ein Kulturschaffender, der lediglich in den Sommerferien mit der Natur in Berührung kommt. Aber sein Kindheitstraum schwelt weiter und eines Tages beginnt Thorbjørn Ekelund diese Sehnsucht nach der Natur zu hinterfragen und sich mit jenem Phänomen auseinanderzusetzen, das mit Henry D. Thoreaus »Walden oder Ein Leben in den Wäldern« seinen Anfang nahm: die romantische Überhöhung des Waldes, die Vorstellung von der Natur als heilende und reinigende Kraft, als Gegenpol zu unserer lauten, hektischen, kulturellen Welt.

Schnell wird ihm bewusst, dass der Gegensatz zwischen Kultur und Natur früher nicht existierte. Der Mensch hatte schlicht keine andere Wahl als mit und in der Natur zu leben. Tatsächlich ist die Natur als Sehnsuchtsort eine Erfindung der Neuzeit. Entspringt die heutige Rückbesinnung also dem Wunsch zu den Ursprüngen, den Wurzeln zurückzukehren? Ist er berechtigt oder nur ein Hirngespinst?

Während der Lektüre unzähliger Bücher und Ratgeber zu diesem Thema, reift in ihm die Idee, anhand von zwölf Mikroexpedition zu prüfen, ob die Natur hält, was sie angeblich verspricht.
Jeden Monat will er einen Tag und eine Nacht allein in der Nordmarka verbringen und dabei die jahreszeitliche Natur spüren, riechen, hören, schmecken, fühlen und ihre Wirkung beobachten. Seinen Plan setzt er im folgenden Jahr konsequent um. Weder Schnee noch Regen halten ihn davon ab, auch nicht Kriebelmücken oder unsachgemäße Ausrüstung. Er lässt sich von Forellen zum Narren halten, lernt seinen Tarp, eine Art Zeltplane, zu schätzen, versucht vergeblich Auerhähne bei der Balz zu beobachten, friert, schläft schlecht und langweilt sich keine Sekunde.

Am Ende steht die schlichte Erkenntnis, dass wir die Natur deshalb als erholsam empfinden, weil wir ihr gleichgültig sind. Wir müssen dort nicht groß- und einzigartig sein, wie die Kultur es heute von uns verlangt. Wir müssen dort nichts und niemandem etwas beweisen, es sei denn uns selbst. Nichts hängt nur von uns ab, keiner fordert uns. Der Alltag hat Pause.

Ein bestechender Gedanke, aber auch wenn Thorbjørn Ekelund auf den letzten Seiten des Buches etliche gute »Tipps für die Wildnis von einem Büromenschen« gibt, werde ich ohne Not nie in einem Wald übernachten. (Ich denke immer noch mit Schaudern an die vielen Zecken zurück, von denen wir uns nach einem Pfadfinderlager befreien mussten.) Dennoch werde ich dieses Buch bestimmt noch öfter in die Hand nehmen und darin lesen und blättern.

Die vollkommen unromantischen Beschreibungen der norwegischen Natur und die Fotografien sind einfach zu schön, um das Buch nach einmaligem Lesen einfach ins Regal zu stellen. Auch die Selbstironie des Autors, mit der er seine eigenen Fehltritte und Unzulänglichkeiten beschreibt, sind äußerst erfrischend. Stellenweise habe ich Tränen gelacht. Die trockene Art mit der ihn seine Familie nach emotionalen Höhenflügen wieder auf den Boden der Tatsachen holt, ist einfach köstlich.

Mögen andere in die Wälder gehen, Fliegenfischen, Feuer machen und sich von Mücken auffressen lassen, so lange sie anschließend so unterhaltsam darüber schreiben, ist mir das mehr als recht. In diesem Fall erfahre ich die Welt und den Wald tatsächlich lieber durch das Buch und beschränke mich weiterhin auf lange Spaziergänge.

Torbjørn Ekelund
Im Wald
Kleine Fluchten für das ganze Jahr
Aus dem Norwegischen von Andreas Brunstermann
Mit 46 farbigen Abbildungen
ISBN 978-3-89029-470-4
Malik Verlag

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Buch wandert sogleich auf meine Wunschliste. Der Tipp ist wunderbar. Ich finde es interessant, wie mehr und mehr die Natur und der Rückzug als Themen in das Blickfeld der Literatur rücken. Da erkenne ich schon einen gewissen Trend. Ich denke, da können wir von den Norwegern und ihrer Wertschätzung der Natur einiges lernen. Viele Grüße

    • Vielen lieben Dank. Ja, da gebe ich Dir recht, wobei das Thema in der internationalen Literatur sicherlich schon etwas länger in den Fokus gerückt ist. Ekelund nennt im Buch einige Titel, wie zum Beispiel Jon Krakauers, »In die Wildnis«, was ich vor einigen Jahren auch mit einer gewissen Faszination gelesen habe.
      Der Einband des Buches fühlt sich übrigens wie Birkenrinde an, da hält man tatsächlich beim Lesen ein Stück Wald in den Händen.

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