Camilla Collett – In den langen Nächten

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Schlaflos

Lange Nächte sind schlaflose Nächte, in denen „der Egel der Finsternis die Lebenskraft aussaugt.« Auch Camilla Collett kannte dieses Leiden nur allzu gut. Ihr Erinnerungsbuch »In den langen Nächten« hat sie all denjenigen gewidmet, die nachts keine Ruhe finden. Mit unterhaltsamen, lustigen und traurigen Geschichten will sie ihnen die langen Nächte etwas verkürzen.

Achtzehn Nächte lang erzählt sie von ihrer Familie, von ihrer Kindheit und Jugend in Eidsvoll, von ihrem Bruder, dem Dichter Henrik Wergeland, von ihrer Schulzeit bei den Herrnhutern in Dänemark. Und sie erzählt von den vielen starken und inspirierenden Frauen, die sie im Laufe ihres Lebens kennen und schätzen gelernt hat.

Gleichzeitig beschreibt sie auf sehr scharfsinnige Weise mit welchen gesellschaftlichen Konsequenzen eine schreibende Frau um 1860 zu rechnen hatte. Sie klagt nicht, setzt aber ironische Spitzen während sie ihren locker-leichten Erzählstil unvermindert beibehält.

Über ihre Mutter berichtet sie zum Beispiel, dass diese so starb, wie es sich jede gute Ehefrau wünschen würde – in Erfüllung ihrer Pflicht. Das mag eventuell für die Mutter gegolten haben, aber für sie selbst ganz sicher nicht.

Camilla Collett um 1960
Ein nützliches Mitglied der Gesellschaft

Camilla Collett hat sich vehement für die Ehe auf Augenhöhe eingesetzt. Sie war eine Fürsprecherin der Emanzipation und nahm in dieser Hinsicht sowohl Männer als auch Frauen in die Pflicht. Tatsächlich war sie die erste Frau Norwegens, die den Begriff Feminismus verwendete und eine große Inspiration für die norwegische Frauenbewegung.

Camilla Colletts Mutter starb übrigens vermutlich an einer Sepsis. Während sie Camillas schwer erkrankten Vater pflegte, zog sie sich durch einen Treppensturz eine Schramme am Bein zu und ignorierte die Entzündung. Der Vater erholte sich, die Mutter nicht.

Ähnlich ironisch schreibt sie über weibliche Rufnamen. Eines Tages nämlich verbot ihr Vater, dass die Familie sie wie bisher „Bina“ rief (ihr zweiter Vorname lautete Jacobine). Camilla wusste das sehr zu schätzen, denn hätte Bettina Brentano wohl ihre berühmten Briefe geschrieben, wenn man sie einfach nur „Tina“ genannt hätte?
Allerdings wäre sie vermutlich ein weitaus nützlicheres Mitglied der Gesellschaft geworden, wenn sie ihren hausbackenen Rufnamen behalten hätte – spekuliert sie später. In Anbetracht der Tatsache, dass Camilla Collett eine der wichtigsten norwegischen Schriftstellerinnen wurde, kann man diesen Satz nur als kleinen Seitenhieb auf die damaligen Konventionen auffassen.

Freiheit durch Anonymität

Bewegt haben mich auch ihre Reflektionen über das anonyme Publizieren. »In den langen Nächten«, wie auch ihr berühmter Roman »Die Amtsmannstöchter«, erschien zunächst anonym. Camilla Collett war sich bewusst, dass diese Anonymität nur eine Illusion war. Aber solange sie ihre Texte nicht unter ihrem Namen publizierte, hatte auch niemand das Recht, ihren Namen in einer Rezension zu nennen und sie öffentlich anzugreifen.

Das wiederum bedeutete Freiheit, denn eine schreibende Frau galt damals als andersartig und erweckte Misstrauen. Nicht nur die Texte von Schriftstellerinnen wurden kritisiert, sondern deren gesamte Daseinsberechtigung in Frage gestellt, die Erziehung ihrer Kinder, ihr geistiger Zustand, ja, ihre Verhältnis zu Gott und der Welt. Und das von allen und jedem. Die Ausgrenzung einer publizierenden Frau war laut Camilla Collett unvermeidlich.

Cover Sagenhafte Geschichten
Sagenhafte Geschichten

Wie fatal ein Fehltritt sein kann – diesmal in anderer Hinsicht – ist Thema der Geschichte aus der 16. Nacht, die ich für die Anthologie »Sagenhafte Geschichten«, herausgegeben von Karin Braun und Gabriele Haefs, übersetzen durfte.
Sie handelt von dem jungen Dienstmädchen Sara, das während eines Tanzes durch das übersteigerte Geltungsbedürfnis eines Mannes entstellt wird. Durch einen unglücklichen Tritt ins Gesicht verliert sie erst ihre Nase, dann ihren Verlobten. Was der Beginn einer verheißungsvollen Zukunft sein sollte, führt Sara in ein Leben in Armut. Ein Schicksal, das sie mit bewundernswerter Würde und viel Phantasie zu tragen weiß. Was im Übrigen für viele der Frauen gilt von denen Camilla Collett berichtet.

Für mich war »In den langen Nächten« eine echte Entdeckung, auch wenn mir der Name Camilla Collett aus meinem Studium noch geläufig war. Und es war mir eine große Freude, eine Passage daraus zu übersetzen und mich mit der Autorin und ihrer Zeit zu beschäftigen. Der Text des norwegischen Originals ist im Internet unter https://www.bokselskap.no/boker/langenaetter/tittelside frei zugänglich. Die Geschichte »Sara« ist neben vielen weiteren großartigen Erzählungen z. B. von Christel Hildebrandt, Regine Normann und Freyja Melsted in dem Band »Sagenhafte Geschichten« enthalten.

Sagenhafte Geschichten
Was Sagen sind, bestimmen wir!
Herausgegeben von Karin Braun & Gabriele Haefs
ISBN 978-3-347-29219-2
tredition

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