Andreas Tjernshaugen – Das verborgene Leben der Meisen

Cover Andreas Tjernshaugen - Das verborgene Leben der MeisenVon Meisen und Mensch

Von meinem Lesesessel aus habe ich freien Blick auf einen Strauch, in dem sich gerne Meisen tummeln. Manchmal beobachte ich diese putzigen Federbällchen, wie sie von Ast zu Ast hüpfen und mal hier und dort picken. Einige fliegen weg, andere kommen hinzu, es sei denn, Nachbars Katze schleicht um die Ecke und alle Meisen verdrücken sich in einer Wolke aus blauen, gelben und schwarzen Punkten. Ansonsten aber erschien mir das Leben der Meisen vor meinem Fenster immer recht friedlich und harmonisch.

Allerdings trügt der Schein ja bekanntlich und seit ich »Das verborgene Leben der Meisen« von Andreas Tjernshaugen gelesen habe, weiß ich, dass dies auch auf die Meisen in unserem Garten zutrifft. Diese kleinen Vögel sind nämlich alles andere als harmlos. Tjernshaugens Großvater beispielsweise beobachtete im Frühling eine Meise, die sich vor der Öffnung eines Bienenstockes niederließ und so lange gegen das Holz klopfte, bis eine wintermüde Biene nach draußen gekrochen kam. Dieser rupfte die Meise dann kurzer Hand die Flügel aus und verspeiste den Rest. Ornithologen zufolge gibt es in Ungarn sogar Meisen, die sich an schläfrige Fledermäuse heranpirschen, ihnen bei lebendigem Leib die Augen aushacken und das Hirn verspeisen.

Vielweiberei und Treuebruch

Aber auch untereinander ist das Leben der Meisen keineswegs so harmonisch, wie es manchmal den Anschein hat. Zwar bilden Meisen Paare, die mit vereinten Kräften ihre Brut aufziehen, aber männliche Blaumeisen suchen sich gerne noch eine zweite Partnerin, wenn die Gelegenheit günstig ist. Das erste Weibchen versucht dies nach Kräften zu verhindern. Sie greift vehement jede weibliche Meise an, die in ihr Revier eindringt. Denn je geringer der zeitliche Abstand der Brut der Zweitfrau zu ihrer eigenen ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Männchen dort ebenfalls an der Aufzucht beteiligt. Und da es so schon schwierig genug ist, die kleinen Schreihälse durchzufüttern, ist das Meisenweibchen alles andere als erpicht darauf, die Arbeitskraft ihres Partners teilen zu müssen.

Kohlmeisen neigen nicht zur Polygamie. Allerdings paaren sich die Weibchen zwischendurch gerne mit anderen Männchen, sodass die Eier in einem Kohlmeisennest oft unterschiedliche Väter haben. Dass das Kohlmeisenmännchen davon nicht erbaut ist, kann man sich vorstellen.
Um ihr Revier zu schützen und zu markieren liefern sich Meisen regelrechte Sängerkriege. Wer den anderen überstimmt hat gewonnen, auch an Attraktivität. Forscher haben dies mit Tonbandaufnahmen getestet und so sicherlich die eine oder andere Meise in den Wahnsinn getrieben, weil diese dem mechanischen Konkurrenten einfach nicht beikommen konnte. Wer weiß, wieviele Revierstreitigkeiten schon vor meinem Fenster ausgefochten wurden, von denen ich aus Unwissenheit nichts mitbekommen habe.

Klein aber oho

Und genau dies ist das Bestechende an Andreas Tjernshaugens Buch. Es eröffnet eine ganz neue Sicht auf die Welt der Meisen. Dabei erzählt er nicht nur von ihrer Schlitzohrigkeit, sondern auch von ihren erstaunlichen Leistungen. 
Im Laufe von drei Wochen schaffen Meisen ca. 10.000 Raupen zu ihrem Nest, bei einer Raupe pro Flug wohlgemerkt. Nach menschlichen Maßstäben müssten Eltern pro Tag vergleichsweise 100 Kilo Lebensmittel nach Hause schleppen und für jedes Stück Brot oder Butter einzeln laufen.

Solche interessanten Geschichten gibt es viele in »Das verborgene Leben der Meisen«. Es ist eine lehrreiche, wissenschaftlich fundierte und gleichzeitig unterhaltsame Lektüre. Zumal der Autor die Leserin an seinen eigenen Beobachtungsmissgeschicken und Meisenerlebnissen teilhaben lässt.
Jedenfalls hat es mich immer wieder erstaunt, wie wenig ich doch über diese Vögel weiß, die da vor meinem Fenster den Strauch bevölkern.

Wer seine eigenen Forschungen und Beobachtungen machen möchte, der findet im Anhang Anleitungen zu Nistkastenbau und Fütterung. Das Buch ist übrigens mit wunderschönen Fotografien und Zeichnungen ausgestattet und farbig gedruckt. Ein herstellerisches Kleinod mit dem man sicherlich dem ein oder anderen Menschen eine Freude machen kann.

Andreas Tjernshaugen
Das verborgene Leben der Meisen
Aus dem Norwegischen von Paul Berf
ISBN 978-3-458-17723-4
Insel Verlag

Ebenfalls besprochen wurde dieses Buch auf dem Blog Elementares Lesen.

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