Anne Holt – Schattenkind

Schattenkind„Ich hätte besser aufpassen müssen, ich hätte besser aufpassen müssen.“ Wieder und wieder schreit Jon Mohr diesen Satz, während er mit seinem Kopf gegen die Wand schlägt. Neben ihm wimmert seine Frau Ellen: „Nicht, nicht, nicht“ und wiegt ihren toten Sohn Sander in den Armen. Es ist der 22. Juli 2011 und während die Familie Mohr durch einen scheinbar tragischen Unfall ihren einzigen Sohn verliert, steht ganz Norwegen unter Schock angesichts des Massakers von Utøya, das die gesamte Polizei und Rechtsmedizin Oslos in Atem hält.

Um den Regeln bei dem Tod eines Kindes genüge zu tun, wird der unerfahrene Polizist Henrik Holme abgestellt, den Fall zu untersuchen. Übereifrig und darauf bedacht sich zu beweisen, bringt er die Angehörigen gegen sich auf, missachtet das übliche Procedere und stösst tatsächlich auf einige Ungereimtheiten, die darauf hindeuten, dass Sander möglicherweise von seinem Vater misshandelt wurde.

Auch die Kriminalpsychologin Inger Johanne Vik, die seit Schulzeiten mit Sanders Mutter befreundet ist und zufällig kurz nach Sanders Sturz von der Trittleiter bei der Familie Mohr eintraf, macht sich Gedanken. Warum räumt jemand Sanders Zimmer gerade mal einen Tag nach seinem Tod aus und übermalt seinen Zeichungen und seinen Namen auf dem Türschild? Warum war Sander so häufig im Krankenhaus? Lag es wirklich daran, dass Sander ADHS hatte und sich durch seine Hyperaktivität schnell Blessuren zuzog, oder war da doch die Hand des Vaters mit im Spiel? Warum erzählte Sander einerseits ausführlich und stolz, wie er sich den Arm brach, tat andere Verletzungen aber lapidar als Bagatelle ab, oder verschwieg sie gar?

Inger Johanne wird neugierig und entdeckt einen Sander, der so gar nicht dem Bild entspricht, das seine Eltern von ihm zeichnen. Als dann auch noch Kinderpornographie auf dem Laptop des Vaters auftaucht und seine Firma unter den Verdacht des Insiderhandels gerät, mehren sich die Verdachtsmomente, dass er schuld an Sanders Tod ist.

Doch dieser Krimi von Anne Holt wäre nicht so genial und spannend, wenn dem wirklich so wäre. Ganz im Gegenteil spinnt sie ein sehr feinmaschiges psychologisches Netz aus Andeutungen, die einen immer wieder auf die falsche Fährte setzen, zumal diese Hinweise perfiderweise viele Vorurteile, die man zum Thema Kindesmissbrauch haben kann, bestätigen. Umso fassungsloser ist man deshalb am Ende des Buches, nachdem die Fassade einer gutbürgerlichen Familie zusammengebrochen ist und sich die Puzzleteile zu einem ganz anderen Bild zusammengefügt haben, als man dachte.

Leider ist dies der letzte Krimi mit Inger Johanne Vik, einer Frau, die mir im Verlaufe des Buches sehr ans Herz gewachsen ist, deren Unperfektheit ich hochgradig symphatisch finde und deren Mut und Beharrlichkeit ich wirklich bewundere. Auch deshalb habe ich das Buch am Ende mit einem dicken Seufzer und einer Träne in den Augen geschlossen.

Anne Holt
Schattenkind
Übersetzt von Gabriele Haefs
ISBN 978-3-492-05396-9
Piper Verlag

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