Máirtín Ó Cadhain – Der Schlüssel

Der SchlüsselEs war einmal vor langer Zeit, oder vielleicht doch erst gestern, ein Mann, dessen kleine Welt aus Aktenordnern bestand. Als Papierbeauftragter bekleidete J. den wichtigsten Posten in der Verwaltungsbehörde. Denn, wie sein Vorgesetzter S. zu sagen pflegte: »Ohne Aufkleber kein Ordner, ohne Ordner kein Beamter, ohne Beamten keine Rangleiter, ohne Rangleiter keine Abteilung, ohne Abteilung kein Amt, ohne Amt kein Öffentlicher Dienst, ohne Öffentlichen Dienst kein Staatssekretär, ohne Staatssekretär keine Minister, ohne Minister keine Regierung, ohne Regierung kein Staat.«

Nun geschah es, dass der Oberste Papierbeauftragte seinen wohlverdienten Urlaub antrat und J. versehentlich oder mit Absicht, in seinem Büro einschloss. Was tun? In den Akten fand sich für diese Situation keine Handlungsanweisung. Aus dem Fenster klettern konnte J. nicht, es gab keins. Das Telefon zu benutzen war ihm strengstens untersagt und seine Kollegen längst zuhause, Schreien und Rufen also zwecklos.
Aber am nächsten Morgen würde die Putzfrau kommen. Er musste also nur abwarten. Weiterlesen

Amalie Skram – Professor Hieronimus

Amalie Skram Professor Hieronimus CoverSpitze Schreie, leises Wimmern, hämmernde Fäuste und lautes Poltern, es ist ein infernalischer Lärm, der Else Kant in ihrer Zelle wach hält. Dabei hat sich die Malerin gerade wegen ihrer anhaltenden Schlaflosigkeit einweisen lassen. Seit Wochen hat sie kein Auge mehr zugetan und kein Bild mehr beendet. Jetzt soll ihr der renommierte Nervenarzt Professor Hieronimus die Erholung verschaffen, die sie braucht, um endlich wieder einen klaren Gedanken fassen zu können, fern von Mann und Kind.

Doch schon bei der Aufnahme in die Klinik kommt es zu Problemen. Else wird ein Zweibettzimmer zugewiesen. Umgehend begehrt sie auf. Wie bitte schön soll sie zur Ruhe kommen, wenn sie ihr Zimmer mit einer anderen Patientin teilen muss? Professor Hieronimus lächelt und verlegt sie in ein Einzelzimmer, mit nackten Wänden, einem schäbigen Bett und einem winzigen Fenster.
Und bevor Else auch nur ein Wort sagen kann, reißen ihr die Schwestern die Kleider vom Leib und stecken sie ins Bett, das sie ab sofort nur noch mit der Erlaubnis des Professors verlassen darf. Weiterlesen

Jesper Wung-Sung – Opfer – Lasst uns hier raus!

Cover Jesper Wung-Sung Opfer - Lasst uns hier rausDieses Buch ist ein Alptraum. Seite für Seite möchte man sich kneifen, um aufzuwachen. Nimmt das Grauen, in dem Benjamin und seine Mitschüler gefangen sind, gar kein Ende? Wie viele Gräber müssen auf dem Sportplatz denn noch geschaufelt werden? Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und so liest man immer weiter, bis zum bitteren Ende.

An einem unerträglich heißen Sommertag bricht Biologielehrer Abrahamsen vor seinen Schülern zusammen. Blut rinnt aus seiner Nase. »Er hat nichts schlimmes«, beruhigt sie der Schulleiter. »Abrahamsen wird bald wieder fit sein. Geht nach Hause und erholt euch von dem Schreck. Für den Rest des Tages habt ihr schulfrei.« Weiterlesen

Herbjørg Wassmo – Schritt für Schritt

 Cover Schritt für Schritt von Herbjørg WassmoIn einer Blase aus Einsamkeit gleitet die Erzählerin durch die Geschichte. Nicht der Vater, der sie nachts aufsucht und nicht die Anfälle, die sie zuckend zu Boden sinken lassen, stehen zwischen ihr und der Welt, sondern das unausgesprochene Gefühl einen anderen Weg gehen zu müssen, als von ihr erwartet wird.

Mit 17, noch auf der Realschule, wird sie schwanger. Der Vater ist nicht der Vater. Den hält sie sich mit der Drohung vom Leib, alles dokumentiert zu haben. Ein Sommerflirt macht sie zur Mutter. Heiraten will sie den Jungen aber nicht, da ist sie sich sicher, sondern den Schulabschluss und einen Beruf, mit dem sie sich und den Sohn ernähren kann.  Weiterlesen

Sara Lövestam – Herz aus Jazz

Herz-aus-Jazz 2Ich lese Danksagungen, weil kein Buch vom Himmel fällt. Den wenigsten Autorinnen und Autoren fließt der Text perfekt aus den Fingern in den Computer. Sie streichen, korrigieren, rippeln Handlungsstränge auf oder löschen die Arbeit mehrerer Monate. Sie teilen Textfragmente und Entwürfe mit Freunden, Lektorinnen, Kollegen, Fachleuten und überarbeiten ihren Text ein zweites, drittes, viertes Mal. Auch wenn viele Bücher im stillen Kämmerlein geschrieben werden, bleibt die Welt mit ihren Inspirationsquellen nicht außen vor. Und auf die bin ich neugierig.

Sara Lövestam zum Beispiel schreibt in »Herz aus Jazz«:
»Danke an alle Kinder und Jugendlichen, die überall auf der Welt in der Schule sitzen und über Tonarten, Schattierungen, Pi, Mittelalterästhetik, Adverbiale, Metaphysik, Neandertaler, Klöppelarbeiten, Farbenlehre und Flambieren grübeln, anstatt sich von den Schulhofhierarchien unterkriegen zu lassen. Eure Zeit wird kommen.« Weiterlesen