Sólrún Michelsen – Tanz auf den Klippen

Cover_Tanz_KlippenAls Kinder haben wir manchmal Guckkästen gebaut. In einen Schuhkarton wurden Bäume, Häuser und Tiere aus Hochglanzpapier geklebt und die Seitenwände und der Boden bemalt. War die Szenerie fertig, wurde ein Loch in den Karton geschnitten, durch das man mit dem einen Auge linsten, während man das andere fest zukniff. Die Welt um einen herum verschwand. Man blickte in diese andere, selbstgebastelte Welt und malte sich aus, was dort alles geschah.

Die Geschichten von Sólrún Michelsen in »Tanz auf den Klippen« erinnern mich an diese Guckkästen. Mit jeder gelesenen und umgeblätterten Seite wirft man einen Blick in eine andere Welt, auf eine Szene, die sich auf kleinstem Raum abspielt. Oder genauer gesagt, schaut eigentlich die kleine färöische Erzählerin in einen solchen Guckkasten und beschreibt, was sie sieht.
Wie der Rauch von Fías Zigarre aufsteigt, während sie an der Nähmaschine sitzt. Die Stofffetzen und Fäden, die über dem Boden verteilt liegen und an den Nylonstrümpfen der Mutter hängen bleiben. Oder die Petroliumpumpe beim Kaufmann, die sie so gerne einmal selber bedienen würde und das Buch, in dem die Einkäufe angeschrieben werden, die die Mutter nicht bezahlen kann.

Es ist ein einfaches, von Armut geprägtes Dasein. Die Wäsche wird in großen Kesseln gekocht, Löcher in Schuhsohlen mit Pappe gestopft und Toiletteneimer über den Klippen entleert. Dass es anderswo ein besseres Leben geben könnte, ahnt die kleine Erzählerin nur, wenn ihre Mutter von den gut verheirateten Frauen in Dänemark spricht.

Ihre Freundin, das Gitter-Mädchen, wird von seinen Eltern tagsüber im Schuppen eingesperrt und nachts in ihrem Zimmer. Das sei notwendig, denn sie sie würde sonst weglaufen, behauptet sie selber. Weshalb sich die Erzählerin zu ihr in den Schuppen sperren lässt, wenn sie miteinander spielen wollen. Und spannend ist es im Schuppen allemal. Denn der Vater des Gitter-Mädchens hortet dort alles, was er zusammengesammelt und geklaut hat. Ganz oben auf dem Haufen thront ein furchterregender Totenschädel, der die Beute bewacht.

Die Freundschaft der beiden ungleichen Mädchen hält, bis sie erwachsen sind. Das Gitter-Mädchen wird den Schuppen verlassen, vieles ausprobieren und zwei Männer pro Jahr haben. Die Erzählerin wird Studentin werden. Während die eine immer mutiger wird, wird die andere immer zaghafter. »Weißt du, ich bin du. Ich bin der verborgene Teil von dir. Der Teil, der sich traut.«, wird das Gitter-Mädchen zu der Erzählerin sagen und dann für immer verschwinden.

Sólrun Michelsen und ihre Übersetzerin Inga Meincke sind Meisterinnen der ersten Sätze, die kurz, nüchtern und präzise sind. In ihren wenigen Worten steckt eine ungeheure Kraft, die einen unmittelbar in die Geschichte saugt, man kann sein Auge schlicht und ergreifend nicht mehr vom Guckkastenloch lösen.
»Sie war ein Jahr älter als ich, und ihre Welt war interessanter als meine, denn sie war in einem großen Schuppen eingesperrt.«.
»Er war nicht wie andere Väter. Er stahl. Darüber wurde nicht gesprochen. Nur geflüstert.«
»Jeden Freitag bekam Vater seinen Lohn in einem kleinen braunen Briefumschlag. Darin waren Scheine und Münzen und ganz unten Hoffnungslosigkeit.«,
um nur drei Anfänge zu zitieren. Solche Sätze begeistern mich, weil sie in ihrer Knappheit poetische Paukenschläge sind, die sofort meine Neugier wecken. Solche Sätze zu schreiben und dann die Spannung über den Rest der Geschichte zu halten, das ist für mich ganz große Kunst.

»Tanz auf den Klippen« steht aktuell auf der Hotlist der unabhängigen Verlage und ich drücke dem Titel wirklich alle Daumen. Mit ihrem neuen Buch »Hinumigin er mars« ist Sólrún Michelsen in diesem Jahr für den Preis des Nordischen Rates nominiert. Und auf dem Lektorenblog des Vfll könnt ihr ein Interview mit der Übersetzerin Inga Meincke lesen, deren Begeisterung und Beharrlichkeit es zu verdanken ist, dass wir das Buch auf deutsch lesen können.

Sólrún Michelsen
Tanz auf den Klippen
Aus dem Färöischen von Inga Meincke
ISBN 978-3-293-00482-5
Unionsverlag

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