Ingvar Ambjørnsen – Die Nacht träumt vom Tag

Die Nacht träumt vom Tag

An anstrengenden Tagen wird mir die Stadt manchmal zu viel. Das Klingeln der Handys, das Geschiebe der Menschen, das Wummern der Bässe aus dem Kopfhörer meines Sitznachbarn oder der ganz spezielle olfaktorische Mix aus nassem Hund, Duschgel, Parfüm und alten Socken. Dann spüre ich ein leichtes Kribbeln in den Beinen und das steigende Bedürfnis umgehend die Flucht zu ergreifen. Nichts wie weg hier, die Laufschuhe anziehen und ab in den Wald.

Sune, der Erzähler aus Ingvar Ambjørnsens Roman Die Nacht träumt den Tag kennt diesen Fluchtreflex und die Sehnsucht nach Einsamkeit seit seiner Kindheit. Als Erwachsener verlässt er Frau und Kinder und geht in die Wälder Nordnorwegens. Er bricht in fremde Hütten ein und lebt von den Vorräten, die die Eigentümer dort gelagert haben. Er liest ihre Bücher und „leiht“ sich ihre Kleidung. Sind die Vorräte aufgebraucht, wandert er weiter, riecht den Wald, spürt das eiskalte Wasser der Bäche und lauscht den Vögeln und dem Wind in den Bäumen. Das Leben könnte so schön und einfach sein. Weiterlesen

Elisabeth Åsbrink – Und im Wienerwald stehen noch immer die Bäume

Und im Wienerwald stehen noch immer die BäumeFamilienfotos finde ich faszinierend, nicht unter dem künstlerischen Aspekt, sondern als historische Momentaufnahmen. Ich kann stundenlang darüber spekulieren, was die Personen auf den Bildern wohl denken und fühlen und was nach der Aufnahme alles passiert ist.
Je älter die Fotos sind, desto mehr schleicht sich auch ein melancholischer Unterton in meine Gedanken. Kennt jemand diese Menschen und ihre Geschichten noch, oder sind die Bilder das einzige, was von ihnen geblieben ist?

Im Fall der schwedischen Familie Ullman gibt es auch noch Briefe, über 500, die viele Jahre unangetastet in einem IKEA-Karton lagen. Bis die Tochter von Otto Ullmann, an den sie adressiert sind, sich ein Herz fasste und der Autorin Elisabeth Åsbrink die Briefe und Fotos übergab. Diese las die Briefe, sprach mit weiteren Verwandten Ottos, recherchierte in vielen Archiven und veröffentlichte Ottos Geschichte unter dem Titel Und im Wienerwald stehen noch immer die Bäume, denn Otto stammte aus Wien. Weiterlesen

Sólveig Jónsdóttir – Ganze Tage im Café

Ganze Tage im CaféNeulich war mal wieder einer dieser grauen, trüben Tage, an denen die Laune ganz tief in den Keller sinkt. In den Mails nur Werbung für schicke Klamotten, die mindestens 10 Kilo weniger auf den Rippen erfordern, der Abwasch hat sich auch nicht von alleine erledigt und der Mann zieht wieder einmal einen Krümelpfad hinter sich her und findet sein neues Computerspiel wesentlich wichtiger als den Müll rauszutragen. Und überhaupt haben alle anderen ein viel spannenderes Leben, bereits mindestens eine glänzende Karriere hinter sich und ekelhaft glückliche Beziehungen.
In einer solchen Stimmung helfen nur fünf Kilo Gummibärchen (ganz schlecht, da folglich noch mehr Fett auf den Rippen), Urlaub mit viel Sonne und Meer (unmöglich, da keine Zeit und Geld) oder eine Kuscheldecke, eine Schale Milchkaffee und das richtige Buch (machbar). Sólveig Jónsdóttirs Ganze Tage im Café ist genau das richtige Buch für solche Tage und sollte daher in jedem Bücher-, wenn nicht gar Medizinschrank vorhanden sein. Weiterlesen

Håkan Nesser – Himmel über London

Himmel ueber London von Hakan Nesser
Ich habe eine Marotte. Bevor ich mit dem Lesen eines Buches beginne, entferne ich den Schutzumschlag. Um ihn zu schützen. Ich mag einfach keine eingerissenen oder angeschrammten Schutzumschläge.
Dabei habe ich schon so manche Überraschung erlebt.*
So auch bei Håkan Nessers neuem Buch Himmel über London. Hier steht auf dem Buchdeckel in großen geprägten Buchstaben: Steven G. Russell, Bekenntnisse eines Schlafwandlers. Halte ich vielleicht einen Fehldruck in den Händen? Mitnichten, wie sich im Verlauf des Buches herausstellt. Håkan Nesser beginnt sein Verwirrspiel mit dem Leser lediglich bereits schon hier. Weiterlesen

Anne Holt – Schattenkind

Schattenkind„Ich hätte besser aufpassen müssen, ich hätte besser aufpassen müssen.“ Wieder und wieder schreit Jon Mohr diesen Satz, während er mit seinem Kopf gegen die Wand schlägt. Neben ihm wimmert seine Frau Ellen: „Nicht, nicht, nicht“ und wiegt ihren toten Sohn Sander in den Armen. Es ist der 22. Juli 2011 und während die Familie Mohr durch einen scheinbar tragischen Unfall ihren einzigen Sohn verliert, steht ganz Norwegen unter Schock angesichts des Massakers von Utøya, das die gesamte Polizei und Rechtsmedizin Oslos in Atem hält.

Um den Regeln bei dem Tod eines Kindes genüge zu tun, wird der unerfahrene Polizist Henrik Holme abgestellt, den Fall zu untersuchen. Übereifrig und darauf bedacht sich zu beweisen, bringt er die Angehörigen gegen sich auf, missachtet das übliche Procedere und stösst tatsächlich auf einige Ungereimtheiten, die darauf hindeuten, dass Sander möglicherweise von seinem Vater misshandelt wurde. Weiterlesen