Mikael Niemi – Die Flutwelle

Die Flutwelle von Mikael NiemiWer schon einmal auf einer Staumauer gestanden hat, kennt vielleicht dieses mulmige Gefühl. Man blickt die meterhohe Betonwand hinunter und beobachtet, wie sich kleine Rinnsale hinabschlängeln und in einem Bach sammeln. Auf der anderen Seite drückt der See mit seinen gewaltigen Wassermassen dagegen. Und dann beginnt das Kopfkino. Was wenn der Damm bricht? Jetzt, in diesem Moment?
Genau dieses Szenario beschreibt Mikael Niemi in seinem Roman Die Flutwelle.

Seit Wochen hat es in Nordschweden ununterbrochen geregnet. Der Boden entlang des Store Luleälven ist durchweicht und die Wälder triefen vor Nässe. Die Menschen am Fluss sind nicht begeistert, aber was will man machen, es ist halt Herbst. Daran, dass sich in den nächsten Stunden eine Katastrophe biblischen Ausmaßes ereignen wird, denkt niemand. Jeder geht seinen Alltagsbeschäftigungen nach. Weiterlesen

Steinunn Sigurdardóttir – Jojo

U1_978-3-498-06427-3.inddJeder dritte Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs und Martin Montag kämpft dafür, dass seine Patienten ihn überleben. Siegfried, den Tumortöter, nennt ihn sein Freund Martin Martinetti.
Auch an diesem Tag starrt Martin auf Röntgenbilder, entwickelt individuelle Bestrahlungstherapien und freut sich auf den Abend mit seiner Frau Petra. Noch zwei Patienten, dann wird er Schluss machen für heute und einen kühlen Weißwein unter blühenden Kastanienbäumen genießen.

Die Heilungschancen des nächsten sind gut. Ein Speiseröhrenkarzinom, das Martin merkwürdigerweise an ein rotes Jojo erinnert. Wie passt das zu seiner Theorie, jeder Tumor habe den selben Charakter wie sein Mensch? Was hat ein rotes Jojo mit diesem jammernden Mann zu tun, der sich bitterlich über die Ungerechtigkeit seines Schicksals beklagt? Weiterlesen

Johan Theorin – Inselgrab

InselgrabIn den skandinavischen Ländern wird seit jeher die Sommersonnenwende gefeiert. In Dänemark und Norwegen brennen Sankt Hans Feuer, man hält Reden und singt Lieder. In Schweden werden Blumenkränze geflochten und um den Maibaum getanzt. Es werden böse Geister vertrieben und es wird gemordet, zumindest in Johan Theorins Mittsommerkrimi Inselgrab.

Dem alten Gerlof ist schon so mancher Geist begegnet, der sich im nach hinein als wenig übernatürlich herausgestellt hat. Nur für die Klopfgeräuschen aus dem Grab von Edvard Kloss vor 70 Jahren hat er bis heute keine Erklärung gefunden. Und so behält er auch erstmal einen kühlen Kopf als eines Nachts ein klitschnasser Junge namens Jonas vor seiner Tür steht und stockend von einem Geisterschiff mit vielen Toten und einem axtschwingenden Zombie erzählt. Auch der Geist, den Jonas immer wieder an der Röse, einem bronzezeitlichen Grab, sieht, beeindruckt Gerlof wenig. Aber er ist neugierig und er sucht Erklärungen für Jonas Erlebnisse. Weiterlesen

Ingvar Ambjørnsen – Die Nacht träumt vom Tag

Die Nacht träumt vom Tag

An anstrengenden Tagen wird mir die Stadt manchmal zu viel. Das Klingeln der Handys, das Geschiebe der Menschen, das Wummern der Bässe aus dem Kopfhörer meines Sitznachbarn oder der ganz spezielle olfaktorische Mix aus nassem Hund, Duschgel, Parfüm und alten Socken. Dann spüre ich ein leichtes Kribbeln in den Beinen und das steigende Bedürfnis umgehend die Flucht zu ergreifen. Nichts wie weg hier, die Laufschuhe anziehen und ab in den Wald.

Sune, der Erzähler aus Ingvar Ambjørnsens Roman Die Nacht träumt den Tag kennt diesen Fluchtreflex und die Sehnsucht nach Einsamkeit seit seiner Kindheit. Als Erwachsener verlässt er Frau und Kinder und geht in die Wälder Nordnorwegens. Er bricht in fremde Hütten ein und lebt von den Vorräten, die die Eigentümer dort gelagert haben. Er liest ihre Bücher und „leiht“ sich ihre Kleidung. Sind die Vorräte aufgebraucht, wandert er weiter, riecht den Wald, spürt das eiskalte Wasser der Bäche und lauscht den Vögeln und dem Wind in den Bäumen. Das Leben könnte so schön und einfach sein. Weiterlesen

Elisabeth Åsbrink – Und im Wienerwald stehen noch immer die Bäume

Und im Wienerwald stehen noch immer die BäumeFamilienfotos finde ich faszinierend, nicht unter dem künstlerischen Aspekt, sondern als historische Momentaufnahmen. Ich kann stundenlang darüber spekulieren, was die Personen auf den Bildern wohl denken und fühlen und was nach der Aufnahme alles passiert ist.
Je älter die Fotos sind, desto mehr schleicht sich auch ein melancholischer Unterton in meine Gedanken. Kennt jemand diese Menschen und ihre Geschichten noch, oder sind die Bilder das einzige, was von ihnen geblieben ist?

Im Fall der schwedischen Familie Ullman gibt es auch noch Briefe, über 500, die viele Jahre unangetastet in einem IKEA-Karton lagen. Bis die Tochter von Otto Ullmann, an den sie adressiert sind, sich ein Herz fasste und der Autorin Elisabeth Åsbrink die Briefe und Fotos übergab. Diese las die Briefe, sprach mit weiteren Verwandten Ottos, recherchierte in vielen Archiven und veröffentlichte Ottos Geschichte unter dem Titel Und im Wienerwald stehen noch immer die Bäume, denn Otto stammte aus Wien. Weiterlesen