Majgull Axelsson – Ich heiße nicht Miriam

Axelsson_Miriam_RezensionLaut einem renommierten Gehirnforscher treffen wir ca. 20.000 Entscheidungen pro Tag, viele davon unbewusst. Es können schnelle Entscheidungen sein, kluge und mutige. Manche Entscheidungen treffen wir ganz rational, manche aus dem Bauch heraus. Einige sind endgültig, andere können wir noch einmal überdenken. Nicht immer haben wir die Freiheit selbst zu entscheiden oder unsere Entscheidungen haben weitreichende Konsequenzen. So wie bei Miriam, die eigentlich gar nicht Miriam heißt.

In einem Güterzug der tausende Frauen nach Ravensbrück deportiert, zerreißen gierige Hände das Kleid der Romni Malika. Ein winziges Stück Brot in ihrer Faust hat die hungrigen Frauen in Furien verwandelt. Malika gelingt es zwar mit knapper Not nicht erdrückt zu werden, aber das zerfetzte Kleid wird ihr Todesurteil sein. Die Nazis legen viel Wert auf korrekte Kleidung. Als der Zug hält und die Frauen nach draußen drängen, stolpert Malika über eine tote Jüdin. Rasch tauscht sie ihr eigenes Kleid gegen das der Toten und aus der Romni Malika die Jüdin Miriam. Weiterlesen

Marie Hermanson – Der unsichtbare Gast

Hermanson_GastWenn ich mir dringend etwas gönnen muss, gehe ich in eine Buchhandlung, streife durch die Abteilungen, lasse meinen Blick über die Regale wandern, streiche mit den Fingerspitzen über Cover, lese Klappentexte und warte darauf, dass eines der vielen Bücher mich anspringt und ruft: »Kauf mich, kauf mich, mich allein. Du wirst es nicht bereuen, wir werden eine wunderbare Zeit miteinander haben. Ganz bestimmt!«

»Der unsichtbare Gast« von Marie Hermanson hat dieses Versprechen mehr als gehalten. Ich habe es an einem trüben Novembernachmittag in einem Rutsch durchgelesen. Dem unterschwelligen Grauen dieser Sommergeschichte konnte ich mich nicht mehr entziehen. Und so bin ich seit langem wieder vollständig in einem Buch versunken. Weiterlesen

Anna Grue – Privatermittler Dan Sommerdahl

Die_guten_Frauen

Alles beginnt mit »den guten Frauen von Christianssund«. Dan Sommerdahl, ein hochdotierter und smarter Werbetexter, ist aufgrund einer Depression krankgeschrieben und hadert mit seinem Leben. Selbst seine Frau Marianne und die beiden Kinder können ihm nicht aus der Krise helfen. Da wird an seinem Arbeitsplatz die Putzfrau ermordet und Dans bester Freund, Kriminalkommissar Flemming Torp, sieht seine Chance Dan aufzumuntern und gleichzeitig von seinem intimen Wissen über die Agentur zu profitieren. Er zieht Dan als Berater zu den Ermittlungen hinzu. Ein Schritt, den Flemming zukünftig mehr als einmal bereuen wird. Denn Dan leckt Blut, ermittelt reichlich unkonventionell auf eigene Faust und bringt sich und andere immer wieder in allergrößte Schwierigkeiten.
Trotzdem ist Dan mit seiner ausgeprägten Menschenkenntnis und seinem analytischen Verstand der Polizei immer einen Schritt voraus. Letztendlich müssen die Kommissare jedes mal zähneknirschend einräumen, dass sie die Fälle ohne Dan nicht gelöst hätten.  Weiterlesen

Maria Antas – Wisch und weg

Wisch_und_wegMeine Mutter hat neulich einen Umzugskarton gefunden, den ich vor 25 Jahre gepackt und nie wieder geöffnet habe. Vermisst habe ich ihn nie, weshalb ich umso gespannter war, welche Schätze ich da wohl wieder finden würde. Neugierig fing ich an zu wühlen und zu niesen. Ein paar Federn hatte sich im Laufe der Jahre in kleinste Partikel aufgelöst, die jetzt in einer bunten Wolke aus dem Karton aufstiegen. Nach einem kleinen Staubsaugerintermezzo setzte ich die Durchsuchung des Kartons fort und fand: einen alten Lippgloß mit Vanillegeschmack, Parfümproben, eine Marionette, ein Handarbeitskörbchen, einen angefangenen Häkelpullover samt Anleitung aus den 80ern und eine halbautomatische Strickliesel. Jeder einzelne Gegenstand löste ein Flutwelle an Erinnerungen und Emotionen aus. Es war wunderbar. Danach habe ich alles wieder hübsch in den Umzugskarton gepackt und ihn zurück auf den Dachboden gestellt, denn ich kann mich, wie Maria Antas, nicht von meinem Gerümpel trennen. Weiterlesen

Sólrún Michelsen – Tanz auf den Klippen

Cover_Tanz_KlippenAls Kinder haben wir manchmal Guckkästen gebaut. In einen Schuhkarton wurden Bäume, Häuser und Tiere aus Hochglanzpapier geklebt und die Seitenwände und der Boden bemalt. War die Szenerie fertig, wurde ein Loch in den Karton geschnitten, durch das man mit dem einen Auge linsten, während man das andere fest zukniff. Die Welt um einen herum verschwand. Man blickte in diese andere, selbstgebastelte Welt und malte sich aus, was dort alles geschah.

Die Geschichten von Sólrún Michelsen in »Tanz auf den Klippen« erinnern mich an diese Guckkästen. Mit jeder gelesenen und umgeblätterten Seite wirft man einen Blick in eine andere Welt, auf eine Szene, die sich auf kleinstem Raum abspielt. Oder genauer gesagt, schaut eigentlich die kleine färöische Erzählerin in einen solchen Guckkasten und beschreibt, was sie sieht.
Wie der Rauch von Fías Zigarre aufsteigt, während sie an der Nähmaschine sitzt. Die Stofffetzen und Fäden, die über dem Boden verteilt liegen und an den Nylonstrümpfen der Mutter hängen bleiben. Oder die Petroliumpumpe beim Kaufmann, die sie so gerne einmal selber bedienen würde und das Buch, in dem die Einkäufe angeschrieben werden, die die Mutter nicht bezahlen kann. Weiterlesen