Sólveig Jónsdóttir – Ganze Tage im Café

Ganze Tage im CaféNeulich war mal wieder einer dieser grauen, trüben Tage, an denen die Laune ganz tief in den Keller sinkt. In den Mails nur Werbung für schicke Klamotten, die mindestens 10 Kilo weniger auf den Rippen erfordern, der Abwasch hat sich auch nicht von alleine erledigt und der Mann zieht wieder einmal einen Krümelpfad hinter sich her und findet sein neues Computerspiel wesentlich wichtiger als den Müll rauszutragen. Und überhaupt haben alle anderen ein viel spannenderes Leben, bereits mindestens eine glänzende Karriere hinter sich und ekelhaft glückliche Beziehungen.
In einer solchen Stimmung helfen nur fünf Kilo Gummibärchen (ganz schlecht, da folglich noch mehr Fett auf den Rippen), Urlaub mit viel Sonne und Meer (unmöglich, da keine Zeit und Geld) oder eine Kuscheldecke, eine Schale Milchkaffee und das richtige Buch (machbar). Sólveig Jónsdóttirs Ganze Tage im Café ist genau das richtige Buch für solche Tage und sollte daher in jedem Bücher-, wenn nicht gar Medizinschrank vorhanden sein.

Hervör, Silja, Mía und Karen geht es nämlich genauso mies. Jede von ihnen glaubt, die einzige gescheiterte Existenz in 101 Reykjavík zu sein, in diesem Viertel voller hipper Typen und blonder Schönheiten.
Hervör hat nach Ende ihres Studiums ihren Studien- zu einen Vollzeitjob gemacht und verbringt ihre Tage mit Kellnern im Café Viertel. Geblieben sind ihre aus dem Studium eine bis ans Limit überzogene Kreditkarte und eine Affäre mit ihrem Professor, die dieser jedoch bald zugunsten seiner Fitnesstrainerin beendet, nur um ein paar Wochen später betrunken und winselnd vor Hervörs Tür zu liegen und reuevoll um eine zweite Chance zu betteln. Doch da hat Hervör zumindest mit diesem traurigen Kapitel bereits abgeschlossen.

Silja ist eine der jüngsten Ärztinnen am dortigen Krankenhaus. Sie hat es geschafft, könnte man sagen. Sie hat ein eigenes geschmackvoll eingerichtetes Haus und ist verheiratet. Leider ist ihr Mann ist ein notorischer Fremdgeher, der sich in der Nachtszene von Reykjavík vergnügt, während Silja Doppelschichten schiebt und in der Notaufnahme Betrunkene verarztet, die sich im Suff den Kopf aufgeschlagen haben. Als Silja ihn eines Tages inflagranti im gemeinsamen Ehebett erwischt, ist für sie das Maß voll.

Mía hangelt sich seit dem Studium von Job zu Job ohne Aussicht auf eine Festanstellung, während ihr Freund Karriere in einer Anwaltskanzlei macht. Und als wäre das nicht schon frustrierend genug, verlässt er sie auch noch und Mías Träume von einer schicken Wohnung und Hochzeit zerplatzen wie eine Seifenblase. Übrig bleiben fürs erste zwei kleine, klamme Zimmer, vollgestopft mit unausgepackten Umzugskartons, ein Haufen unbezahlter Rechnungen und viel Kummer und Wut.

Karen ist eine nordische Schönheit, sehr schlank mit sehr langen weißblonden Haaren. Nacht für Nacht ist sie in den Bars unterwegs, feiert und wacht morgens in den Betten fremder Männer auf. Karen lebt bei ihren Großeltern, die ihren Lebenswandel zwar mit Sorge betrachten, aber auch viel Verständnis haben. Denn Karen hat vor fast einem Jahr bei einem Autounfall ihren Bruder verloren und gibt sich dafür die Schuld.

So sehr alle vier Frauen leiden, jammern und heulen, die Männer verfluchen und ihren Kummer in Alkohol ertränken, erkennen sie doch nach und nach, dass nur eine einzige Person sie aus diesem dunklen Jammertal holen kann. Sie selber.
Und wenn Silja die Tapeten von der Wand reißt und neu streicht und Mía anfängt Bewerbungen zu schreiben und Karen sich erstmals wieder auf eine ernsthafte Beziehung einlässt und Hervör die langersehnte Reise antritt, dann werden die Tage etwas heller. Auch bei der Leserin des Buches.
Die vier Frauen sind übrigens weder miteinander befreundet, noch kennen sie sich. Aber da Reykjavík eine kleine Stadt ist, laufen sie sich schon mal über den Weg und haben gemeinsame Bekannte oder andere Berührungspunkte, die ihre Geschichten auf eine sehr gekonnte Art und Weise miteinander verbinden. Ganze Tage im Café ist weit entfernt von dem althergebrachten Cliquenmuster à la Sex in the City oder Friends. Der Roman hat nur einen Nachteil, er ist trotz seiner 416 Seiten viel zu schnell zu Ende.

Sólveig Jónsdóttir
Ganze Tage im Café
Aus dem Isländischen von Sabine Leskopf
Insel Verlag
ISBN 978-3-458-35981-4

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